Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1857)
- Date
- 1857-02-02
- Page
- Seite 70 (sequence 4)
- Language
- German
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70 Hannover, 20. Januar. Wie man der Allg. Ztg. schreibt, soll dem Eintritt Sr. Mas. deS Königs in den Freimaurerbund die Bedingung vorausgegangen sein, daß bei der nächsten Revision der Statuten, welche nunmehr in naher Aussicht steht, daS Princip der preußischen Groß- und Landesloge ausgenommen wird: daß die Freimaurerei auf reiner Christlichkeit basire, und Juden daher nicht Mitglieder des Bundes sein können. (Die Leser dieses Blattes erinnern sich wohl unserer Artikel über die „Freimaurerei", so daß wir hier nicht näher einzugehen brauchen. Wir stimmen mit den pietistischen Angreifern jenes Ordens überein, daß der Ausschluß der Juden noch nicht im Entferntesten die „Christlichkeit" der Freimaurerei bedinge, weil einmal in der Freimaurerei nichts Christliches enthalten ist. Wir stimmen hingegen auch mit den Freimaurern der anderen Länder der Erde überein, welche einen solchen Ausschluß als die Selbstverläugnung der Freimaurerei ansehen. Im Uebrigen hat Friedrich der Große beim Eintritt in den Orden eine solche Bedingung nicht gestellt, war aber — Friedrich der Große, und seitdem sind gerade hundert Jahre vorübergegangen! Redact.) Preußen. Aus Westphalen und Rheinprovinz, im Januar. (Privatmitth.) Bei den Lehrerprüfungen in den Seminarien Westphalen und der Rheinprovinz erschienen im Jahre 1856 drei jüdische Schulamts-Candidaten, sämmtlich im Heindorff'schen Seminar zu Münster ausgebilvet (geprüft in Soest), und im Jahre 1855 ein einziger, vorgebildet und geprüft im evangelischen Seminar zu Petershagen. Dagegen sind während dieser Zeit, so viel mir bekannt, 8 tüchtige jüdische Lehrer ihrem Amte untreu geworden, und 2 gestorben. Die Reihen deS jüdischen Lehrerstandes lichten sich demnach bedeutend, und man darf wohl fragen: worin hat dies seinen Grund und wohin wirds am Ende führen? — Wenn ich mir erlaube, darüber einige kurze Andeutungen zu geben, so geschieht solches sowohl im Interesse der Gemeinden, als auch der Lehrer, und bitte ich deshalb beide Theile, dieselben ruhig zu prüfen, reiflich zu erwägen und je nach der Verschiedenheit der localen Verhältnisse weiter auszuführen; — dann aber auch Hand ans Werk zu legen und die Uebelstände in aller Aufrichtigkeit und nach bestem Wissen und Gewissen abzustellen. Fragen wir also zunächst: worin hat es seinen Grund, daß so viele jüdische Lehrer ihr Amt aufgeben und einen anderen Beruf erwählen, daß dagegen so wenig junge Leute sich dem Lehrerstande widmen? — Wenn es jemals noth that, daß unser Volk durch treue Lehrer erhalten werde in seiner ihm von vorn herein von Gott mitgegebenen Eigenthümlichkeit, so erheischt gerade die gegenwärtige Zeit, deren eigentlichstes Bestreben darauf abzielt, alle geschichtlich begründeten Verhältnisse aufzulösen und an deren Stelle ein den Keim eines schwindsüchtigen Vegetirens in sich tragendes Neues zu setzen, jene Nothwendigkeit doppelt und zehnfach. Dagegen muß man mit Betrübniß das Gegentheil wahrnehmen. Tüchtige Lehrer verlassen ihren Beruf, und ist Niemand, der für sie einzutreten gewillt ist. Hier mögen nun die Gemeinden in sich gehen und sich prüfen, wie weit zunächst sie Schuld daran tragen, und möchte ich zu dieser nothwendigen, heilsamen Selbstprüsung hiermit Veranlassung und einige Winke geben. — Wird eine Lehrerstelle vacant, so tritt bekanntlich der Synagogenvorstand mit dem neuen Candidaten für dieselbe in Unterhandlung. Kommt es nun zu einer vorläufigen Vereinbarung, so wird alsdann vom Synagogenvorstande ein Contract angefertigt, der jedem Unparteiischen als nur dazu gemacht erscheinen muß, den Lehrer als ein dienstbares, jederzeit der Gemeinde zu Willen lebendes Wesen aufzunehmen und zu behandeln. Ja, sieht man diese knechtenden Bedingungen an, so ist's gewiß, daß ein Dienstmädchen mehr Freiheit genießt, als der jüdische Lehrer. Ist eS da zu verwundern, wenn Lehrer, welche sich durch irgend welche Einflüsse zur Unterzeichnung eines solchen Contracts bestimmen ließen, dieses unerträglichen JocheS müde werden, es abschütteln und einen anderen Beruf erwählen, in welchem sie doch wenigstens ihr eigener Herr sind und in welchem sie sich nicht von jedem einzelnen Gemeindegliede brauchen Vorschriften, Vorwürfe, ja Brutalitäten gefallen zu lassen? Ist es da nicht leicht zu begreifen, daß junge Leute, welche aus Erfahrung in ihrer eigenen Gemeinde es wissen, als was für eine nichksgeltende Persönlichkeit der jüdische Lehrer dasteht, von vorn herein den Gedanken ausgeben, diesen an sich köstlichen Beruf zu erwählen? Kann es da befremden,