Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1857)
- Date
- 1857-01-26
- Page
- Seite 58 (sequence 6)
- Language
- German
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38 Gegensatz wieder zu. Indem er auf facüsche Grundlage, dann aber auf deren philosophische Auffassung dringt, läuft er auf Definitionen hinaus, welche die factische Unterlage verlaugnen, und verfällt damit dem auf diesem Gebiete gewöhnlichen Mißgriff, das vielgestaltige Leben in die Fessel starrer Formeln zu schlagen. Zwei Hauptgedanken sind es, welche Bunsen immer von Neuem vorträgt. Er verwirft die reine Philosophie; er verwirft die kritisch-philologische Behandlung der Geschichte; in der Philosophie der Geschichte sieht er das Ziel der Wissenschaft. Nimmer zu verkennen ist es, daß hierin ein großer, schöpferischer Gedanke liegt, seit lange vorbereitet, und wozu bereits eine Menge Werkstücke zugerichtet find. Aber dennoch wird es niemals zu vergessen sein, daß sowohl die Philosophie als auch die pragmatische Geschichtsforschung auch absoluten Werth haben, und daß es ein völliges Verkennen ist, sie als bloße Handlanger der Philosophie der Geschichte zu betrachten, eine Anschauung, die sich auch an dieser bald rächen würde. Wenn nun Bunsen die Hauptaufgabe für die Philosophie der Geschichte darin sucht, daß sie die Gesetze der Entwickelung der Menschheit erforsche und aufstelle, indem er diese Gesetze für eben so einfach und bestimmt hält, wie die Gesetze der Natur — so erscheint uns bierin der große Jrrthum Bunsen's, der die Willensfreiheit des Menschen anerkennt, aber in den Gesetzen der Entwickelung zu würdigen unterläßt. Wir glauben vielmehr, daß die Geschichte der Menschheit erst in einem sehr kleinen Theile, gewissermaßen in Anfängen vor uns liegt, daß, weil in der Menschheit große Triebfedern und Treibkräfte spielen, welche in der Natur fehlen, wie Jrrthum und Leidenschaft, die, überwunden, in immer neuen Gestaltungen wirkend und widerstehend hervortreten, allgemeine Gesetze des menschengeschlechtlichen Lebens unendlich schwieriger zu fassen sind, und daß wir daher noch lange in die Jrrthümer jener langen Reihe von Philosophen verfallen werden, welche von Thales an die Gesetze der Natur aufzustellen suchten, während sie erst einen unendlich kleinen Theil der Natur kannten und überblickten. Solche Gesetze suchen, ist nocklange nicht sie finden; sie gefunden zu haben glauben, ist ein verhängnißvoller Wahn. Vor Allem glauben wir, daß, wie in dem Menschen selbst, bei all' seiner Entwickelungsfähigkeit und bei aller geschichtlichen Entwickelung, doch seine Natur von vorn herein eine bestimmte ist, deren Elemente der unveränderliche Stoff für die Entwickelung sind, so auch ein großes Fundament für die Entwickelung gegeben ist, welches unveränderlich Inhalt und Richtung der Entwickelung dargeboten hat; die Offenbarung der religiösen Idee, enthaltend die Grundelemente der Wahrheit, der Liebe und des Rechts. Auch Bunsen meint dies, und hält die Bibel für die Grundlage der menschengeschlechtlichen Entwickelung. Aber was er eben als Grundlage erkannt hat, verwandelt sich ihm unter der Hand zu einer bloßen ersten Stufe, die überschritten werden mußte, um zu einer zweiten "höheren zu gelangen. Daher zerfällt ihm das Fundament, welches doch als solches nur ein einheitliches sein könnte, gleich wieder in zwei getrennte Marmorblöcke, die übereinander gethürmt sind, in die Bibel der Hebräer und das neue Testament. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Dresden, 7. Januar. (Privatmitth.) Das nach kurzer Krankheit am 2. d. M. erfolgte Ableben deS Hofraths und Ritters vr. iried. Paul Wolf im noch nicht vollendeten 62. Lebensjahre verdient auch in dieser Zeitung erwähnt zu werden, als der Verblichene, obgleich dem jüdischen Gemeindeleben fernstehend, doch — trotz mancher Verlockung — dem israelitischen Glauben treu blieb und in manchen wichtigen Fällen durch Ausarbeitung geistvoller Aufsätze und Denkschriften so wie durch beredte mündliche Fürsprache zu Gunsten der Juden wirkte. — Seine erste Bildung erhielt er in der von Israel Jakobsohn zu Seesen gestifteten Lehranstalt, wo er alö einer der talentvollsten Scküler seiner Zeit galt; er bezog sodann die Universität Prag, wo er neben seinen medicinischen Studien als Hofmeister Unterricht in der hebräischen Sprache und im Pentateuch ertheilte. Als er 1817 in Jena promovirte, zog die von dcutschthümelnden Burschen damals erregte Bewegung gegen die Juden seine Aufmerksamkeit auf sich und veranlaßt ihn, in Oken's Oppositionsblatt einen kräftigen Aufsatz gegen den wieder aufdämmerndcn Judenhaß einrücken zu lassen, der seine Wirkung nicht verfehlte. — 1818 domicilirte er sich in Dresden, wo es ihm nach damaligen Gesetzen als Juden nur mit großer Mühe gelang, zum Staatseramen zugelassen zu werden. Doch er überwand durch fast unglaubliche Ausdauer alle ihm gemachten Schwierigkeiten. Bald ward er einer der gesuchtesten Aerzte Dresdens. Der Homöopathie