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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-01-19 · Heft 4 (19.1.1857) · p. Seite 42

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 4 (19.1.1857)
Date
1857-01-19
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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42 des vorigen Jahrhunderts die Obherrschüft auf dem Gebiete der Auslegung an sich riß. Es ist hier nicht der Platz, die Wirksamkeit und Wirkungen der kritischen Nichtung und Arbeit ausführlich zu schildern. Wenn wir jetzt, wo die Thätigkeit der Kritik ziemlich zu einer Erschöpfung gekommen, ihre Resultate überblicken, so kann man nicht verkennen, daß für zwei, drei sichere und unzweifelhafte Erfolge sie uns in eine namenlose Verwirrung gestürzt, und keinen Faden der Ariadne, der aus dem Labyrinthe herausführe, gereicht hat. Sie hat nicht nur die Angaben der Bibel über sich selbst verworfen, alle Ueberlieferungen der Tradition mit Verachtung beseitigt, die einzelnen Bücher der Schrift in die verschiedensten Jahrhunderte versetzt, sondern auch die Bücher an sich in Fetzen zerrissen, in Stücke zerhackt, und deren Glieder über die Jahrtausende zerstreut. Es wich hiermit jedwede Sicherheit; und da jeder einzelne Kritiker, von den unbedeutendsten, oft willkürlich angenommenen Merkmalen ausgehend, ganz verschiedene Ansichten aufstellte, so kann die Arbeit der blos kritischen Schule einentheils als nutzlos, anderntheils als schädlich anerkannt werden. Der Hauptgrund, warum die Kritik nicht zu reelleren Erfolgen gekommen ist, war, daß sie, jede historisch gegebene Basis verschmähend, von außen her, aus selbstgesetzten Motiven und zufälligen Merkmalen ihre Folgerungen ziehen wollte; anstatt daß sie erst Beweise gegen die Tradition verlangen mußte, und diese unparteisch zu prüfen hatte, verlangte sie, daß die Tradition für sich Beweis führe, und strebte dabei mit allen Waffen sophistischen Scharfsinnes, ihr diese Beweisführung unmöglich zu machen. Zum Beispiel: die Ueberschrift nennt Moschch als den Verfasser des 90sten Psalms. Selbst die unerbittlichsten Kritiker mußten gestehen, daß in diesem Psalm nichts vorhanden wäre, was dieser Angabe irgend wie widerspräche, baß vielmehr Gedankeninhalt, Charakter, Ausdruck und Form der Art und Zeit Moscheh's entsprächen. Dennoch beruhigte sie sich dabei nicht, verlangte von der Tradition zu erweisen, woher sie diese Angabe habe (!!!), und suchte nun aus den willkürlichsten Zeichen irgend eine andere Zeitbestimmung heraus, deren Unsicherheit schon daraus erhellt, daß jeder Kritiker eine andere gefunden. Was hat man nicht versucht, um einen großen Theil der Psalmen in die späteste Zeit, in die makkabäische und spätere hasmonäische zu verlegen! Man hat die kleinsten, unbedeutendsten Merkmale mit den von späteren Geschichtsschreibern gezeichneten Situationen verglichen, und daraus in ungebundenster Art Beweise gemacht; anstatt daß man vorher Nachweise, daß die in literärischer Production so völlig geistesbaare und kraftlose Zeit der Makkabäer und Hasmonäer vermocht hätte, einen solchen neuen Aufschwung der Psalmdichtung hervorzubringen.*) — Wir sagen nicht, daß die kritische Arbeit vergebens war, denn sie mußte oder muß vielmehr zu einer vernünftigen Behandlung der obschwebenden Fragen zurückführen; auch hat sie immerhin eine Anzahl geschichtlicher Daten in helleres Licht gebracht, und einzelnes sehr zu Würdigendes gegeben. Aber jedenfalls ist dieser Nutzen nicht mit dem Schaden zu vergleichen, den sie angerichtet, indem sie das Ansehen der Bibel vielfach untergraben, und aus der biblischen Literaturgeschichte ein wahres Chaos gemacht hat. Es war sehr thöricht von den modernen Juden, und spricht wenig für die Tiefe des Geistes, mit welcher sie ihre Aufgabe ergriffen, daß sie, sobald sie irgend eine strafende Autorität nicht fürchteten, sich kopfüber in diesen kritischen Sturm hineinwarfen. Jndeß ist unser Schiff zu stark gebaut, unser Segel zu kräftig gewoben, als daß auf die Dauer großer Nachtheil davon zu fürchten gewesen. Kommen wir zu der dritten Behandlungsweise der Schrift, welche wir, offen gesagt, für unsre Zeit als die wichtigste, unentbehrlichste und erfolgreichste ansehen. Es ist dies die, welche sowohl den ganzen Lehrinhalt von Neuem, und in tieferer, innigerer Auffassung zu verstehen und zu erhalten sucht, als auch von dem ganzen Geiste der heiligen Schrift sich durchdringen zu lassen trachtet; welche sowohl die großen Gestalten, wie die Bibel sie in mächtigen Zügen vorführt, zu erkennen strebt, als auch die ganze religiös-sittliche Anschauung zu bebegreisen und wieder zu beleben sich bemüht; welche Inhalt und Lehre der Bibel von dem weltgeschichtlichen Standpunkte aus zu beurtheilen, ihre Bedeutung für die ganze Menschencultur festzustellen und immer wirksamer zu machen sich beeifert, und von hier aus jeden einzelnen Satz von Neuem beleuchtet. — Es ist klar, daß von diesem Standpunkte aus auch das Gesetz einer neuen Betrachtungsweise entgegengeht. Während die buchstäbliche Auslegung die Bedeutung der gesetzlichen Vorschriften in die *) Eine Heldenperiode ist durchaus nicht immer mit großer literärischer Productivetät, mit mächtig poetischem Aufschwung verbunden. Wir erinnern an die Richterzeit — wir erinnern an Friedrich den Großen, der nichts als die plattesten Lieder Gleims und einige langstielige Oden Namlers hervorries.

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