Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1857)
- Date
- 1857-01-05
- Page
- Seite 18 (sequence 4)
- Language
- German
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18 einer sittlichen, in Gott bewußt lebenden Weltordnung, wonach das Gute zugleich das allein Wahre ist, unv das Wahre das allein Gute. ,,Hier drängen sich fünf Fragen auf: Erstlich, bewährt sich dieser Glaube wirklich in der Weltgeschichte nach den uns vorliegenden Thatsachen? Zweitens, bilden die Erscheinungen dieses Gottesbewußtseins eine organische Entwickelungsreihe? Drittens, ist das Christenthum wirklich die Weltreligion? Viertens, können seine jetzigen kirchlichen Formeln und Formen als normal und gesund angesehen werden? Fünftens, wird das Gottesdienstliche, die Religion als Anbetung, aufhören und die philosophische Betrachtung ihre Erbin sein?" — Alles in Diesen Sätzen erweist, zu welcher Einseitigkeit diese, die unerschöpfliche Lebensströmung des Menschengeschlechtes eng abgrenzenden Formulirungen führen. Kein Wort in diesen Sätzen, welches nicht zu den mannigfaltigsten Controverstn führe. Was der Verfasser als die Annahme aller geschichtlichen Religionen ausgiebr, müssen wir vom Standpunkte des Judentßums aus bestreiten. Das Judenthum lehrt den Menschengeist Gott ebenbilvlich. Diese Gottebenbildlichkeit findet es in dem freien Willen und dem Selbstoewußtsein. Dieser freie Wille muß sich aber innerhalb der endlichen Natur des Menschen durch die Fähigkeit zum Guten und die Fähigkeit zum Bösen verwirklichen und ^), und diese Befähigung vermittelst des freien Willens im wirklich Guten und wirklich Bösen bethätigen. Dies ist es, was die Schrift schon in der Geschichte des Paradieses lehrt, und was Talmudisten und Rabbinen durchgearbeitet haben. Ist daher in der Menschennatur der freie Wille wahr, so ist auch in ihr das Schlechte und das Gute wahr, also nicht das Gute das allein Wahre. Die Weltgeschichte besteht demnach in dem Kampfe des Guten und Bösen, die sittliche Weltordnung in der immer bewirkten Ueberwindung des Bösen durch das Gute, in der Verwendung des Bösen im Dienste des Guten, in der hierdurch bewirkten allstitigen Entwickelung. Das einfache Wort im Munde Josephs spricht es aus: ,,Jhr zwar gedachtet es zum Bösen, Gott aber gedachte es zum Guten, am Leben zu erhalten ein großes Volk." 0 Mos. 50, 20.) Nicht minder bringt das Wesen der menschlichen Erkenntniß auch den Jrrthum mit sich, und es ist eine einfache Folge, daß, wenn die Erkenntniß, wie zu ihr der Geist befähigt ist, gut ist, auch der Jrrthum , und nicht allein das Wahre das Gute ist. Das Böse wie der Jrrthum sind nothwendige Factoren der menschlichen Entwickelung, und damit, auch vom Standpunkte Bunsens, gut. Wir hätten dies nicht so stark hervorgehoben, wenn wir nicht damit zugleich gegen das Beiwort „organisch" in der zweiten Frage Bunsens protestiren müßten. Wir haben schon in der „Zueignung" die Neigung des Verfassers, die Gesetze der meuschengeschlechtlichen Entwickelung mit denen der Natur zu vergleichen, als eine nicht glückliche kennen gelernt. Allerdings unterliegt diese Entwickelung, wie alles Geistige, gewissen Gesetzen; auch findet sich in ihnen manches Analoge mit den Naturgesetzen — aber im Geiste ist die Freiheit des Willens Hauptelement, während in der Natur der willenlose Stoff dem Gesetze hingegeben ist. Es scheint uns darum der Ausdruck „organisch", auf die Entwickelung des Menschengeschlechts übertragen, falsche und beengende Begriffe vorzubereiten. Es ist nicht zu verkennen erstens, daß der enorm größte Theil des Menschengeschlechts bis heute an der Entwickelung keinen Antheil genommen, ja von ihr gar nicht berührt worden; zweitens, daß allerdings mehrfache Entwickelungsreihen neben einander bestehen, ohne miteinander in Contact zu sein, wie den ostafiatischen Völkern eine selbstständige Entwickelung nicht abzusprechen ist; drittens, daß der eigentliche Mittelpunkt und Herzschlag der Entwickelung seinen Sitz verändert und eine Menge mehr oder weniger abgestorbener Glieder hinter sich läßt, wie er aus Asien nach Europa, vom Süden nach Norden verlegt worden; viertens, daß eine ungeheure Entwickelungsphase gänzlich zu Grunde gebt, eine neue, auf ganz verschiedener Grundlage neuer Völkerfamilien mit gänzlich verschiedenem genetischem Charakter anhebt und erst spät die Trümmer der früheren Phase aus die neue eine theilweise Einwirkung erlangt — so ist die mächtige innerasiatische Entwickelung, von der uns in Indien und dem aufgedeckten Ninive beredte Zeugnisse gegeben sind, untergegangen; so das antike Alterthum; endlich fünftens, sind große, religiöse und sittliche, inlelkctnelle und ästhetische Offenbarungen vor sich gegangen in alter Zeit, welche die daraus folgenden Geschlechter mißverstanden, verkannten, entstellten, mit anderen Elementen vermischten, so daß es der Entwickelung von Jahrtausenden bedarf, um sie zu ihrer ursprünglichen Reinheit zurückzusühren. Alle diese Momente werden mit dem Worte „organisch" nicht ausgedrückt, und stehen daher in Gefahr, verkannt zu werden. Es kann daher auch nicht ausfallen, daß, indem er die drei ersten Fragen bejaht, der Verfasser verlangt, daß