Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1857-01-05 · Heft 2 (5.1.1857) · p. Seite 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
21 (1857)
Issue
Heft 2 (5.1.1857)
Date
1857-01-05
Page
Seite 17 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226039-3226042--15830-3244646
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

17 unerledigt zu lassen. Wir bemerken dies, um jungen Männern einen Fingerzeig zu geben, daß es oft nützlich wäre, gelegentlich bei uns persönlich vorzusprechen — ohne daß wir natürlich hiermit irgend eine Verbindlichkeit gegen Jemanden übernehmen. Dunsens „Gott in der Geschichte." II. Wir kommen zur Vorrede, welche abermals eine rhapsodische Abhandlung bildet, um uns mit den Hauptgedanken des Verfassers im Voraus bekannt zu machen. Sie bespricht insonders zwei derselben in zwei Absätzen. Bezeichnen wir sie hier in Kurzem. Es ist die Ansicht des Verfassers, daß die deutsche Philosophie nicht, wie Viele meinen, abermals einen Kreislauf vollendend, in ihrer Entfaltung zum Schluffe einer großen Epoche gekommen sei, sondern vielmehr erst jetzt den rechten Anfang nehme, um zu ihrem eigentlichen Ziele zu kommen, das, um es kurz zu sagen, in der Philosophie der Geschichte bestehe. Der Verfasser verwirft die blos speculative Philosophie, er verwirft nicht minder die philologische Geschichtschreibung, und will als die höchste und wahrhafteste Aufgabe die Philosophie der Geschichte erkennen, welche die Speculation und die Wirklichkeit zur Vereinigung bringe. Indem wir immerhin den hohen Werth, ja die Unumgänglichkeit der Philosophie der Geschichte anerkennen; indem wir in ihr im Verhältniß zur Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung ebenso das höhere Ergebniß finden, wie in der Physiologie im Verhältniß zur Anatomie, müssen wir doch die Ansicht des Verfassers als einen Jrrthum bezeichnen, der vielmehr die Nichtigkeit der Annahme erweist, daß die deutsche Philosophie ihren Entwickelungsgang vorerst vollendet habe,' da sie einen solchen Ausgang sucht, wie ihn der Verfasser angiebt. Wenn wir einen Blick auf die große Geschichte der menschlichen Geistesarbeit werfen, wenn wir da sehen, daß vom Beginne an, aus den urältesten Zeiten ägyptischer und indischer Weisheit her, die speculative Philosophie niemals ganz geruht, ihre Arbeit in immer weiteren Maßen stets von Neuem begonnen, und die mächtigsten Geister beschäftigt hat: so ist es unmöglich, diese ganze große Bestrebung der Menschheit als eine Irrfahrt anzusehen, welche den Odysseus nur fern von Jthaka halten sollte, weil ihm die Götter zürnten. Ob die formulirten Resultate den sehnsüchtigen Wünschen des Menschengeistes entsprachen oder nicht, darauf kömmt es nicht an; in der Philosophie sprach und prägte sich stets das tiefere Bewußtsein, der innerlichste Gedankeninhalt jeder Zeit aus, und von ihr strömte befruchtend die Entwickelung über alle Gebiete der Wissenschaft und Kunst. Mit Nichten können wir daher dem Verfasser es anders als eine Einseitigkeit auslegen, wenn er dies verkennt. Außerdem bietet neben den Naturwissenschaften und der Geschichte der menschliche Geist an sich und mit seiner ganzen metaphysischen Begriffswelt ein so unerschöpfliches Gebiet der Forschung, und auf welches der Mensch unaufhaltsam angewiesen und Hingetrieben wird, daß niemals die Bearbeitung desselben fehlen kann und wird. Bunsen will diese Philosophie der Weltgeschichte gleichmäßig von den zwei Polen der Erkenntniß vorbereitet wissen, dem der Speculation und dem der Kunde der Thatsachen. „Vom philosophischen Standpunkte wird dieses zu bewerkstelligen sein durch ein Organon der Entwickelung des Geistes in der Zeit, in einer Behandlung, welche das Princip des Werdens ausnimmt, sowohl in die Speculation, wie in die Forschung." Auch hier werden der Zweifel nicht wenige über die Aeußerungen des Verfassers sich aufvrängen. Während er so eben (S. XXII.) jeden Versuch zu philosophiren, welcher von einer obersten abstrakten Formel ausgehet, und die Beweisführung irgend einem formalen metaphysischen System entnimmt, gänzlich verwirft, will er hier nichts anderes, als die Geschichtsforschung und geschichtliche Erkenntniß auf eine oberste abstracte Formel, auf ein formales metaphysisches System aufbauen. Während er die Psychologie und Metaphysik als eigentlichen Inhalt der Philosophie verwirft, ruft er sie erst recht zur Hülfe, um aus ihnen ein Fundament für die Philosophie der Geschichte zu machen. Abgesehen von diesen Widersprüchen, ist es dem Sachkundigen nur zu klar, daß solche Arbeiten auf die verrufenen Necronstructionen der Geschichte von rückwärts auslaufen werden. Den Beweis hierfür liefert Bunsen selbst im zweiten Absatz seiner Vorrede. Er formulirt hier den Begriff der Weltordnung, und zieht daraus Fragen und Antworten, welche von vorn herein die ganze Weltgeschichte in Fesseln schlagen, und gleichsam aus der unendlichen Mannigfaltigkeit der Erdoberfläche einige Eisenbahnstränge für Dampfwagen machen. Er sagt: „Der Glaube aller geschichtlichen Religionen geht aus von dieser Annahme 2*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.