Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 21 (1857)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1857)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 verkörpert hat? Wie willkommen muß es uns daher sein, diesen Gedanken auch auf anderem Gebiete durchgearbeitet zu sehen; wie muß ein solches Werk, wenn es ein rechtes ist, abermals als ein Schritt näher zum Judenthume angesehen werden! Wenn daher mitten in einer, wie es schien, oder wie es vorgegeben wurde, am Glauben Schiffbruch leidenden Zeit, einerseits unsren Vorlesungen über die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthum, Christenthum und Islam in England und Frankreich eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit geschenkt wird, und andrerseits ein die Grundlehre des Judenthums behandelndes, auf christlichem Boden entsprossenes Werk über Gott in der Geschichte unsrerseits in die jüdische Lesewelt eingeführt wird: so find dies ficherlich „Zeichen der Zeit", die wohl zu beachten. Bunsen beginnt mit einer Zueignung: prineipi!iu8 populisque, „Fürsten und Völkern", in welcher er seinen Hauptgedanken ausspricht; es folgt eine ausführliche Vorrede, dann eine allgemeine Einleitung. Man sieht leicht ab, daß, wie der Verfasser so seine Hauptgedanken, die Resultate seiner umfassenden Forschungen in diesen Absätzen an die Spitze stellt, uns damit in bequemer Weise der Faden gegeben ist, dem Gange des Verfassers zu folgen. Stellen wir daher zuerst die Hauptsätze der „Zueignung" hierher. „Der Menschengeist, wenn er von dem Flügelschlage der Weltgeschichte zu klarem Bewußtsein über fich selbst geweckt wird, findet fich mitten in den Umschwung einer ihm anfanglos und endlos erscheinenden Bewegung der Menschheit gesetzt. „Die Ahnung eines göttlich geordneten und Göttliches offenbarenden Ganges der Weltgeschichte ist die ursprüngliche, göttliche Ausstattung des Menschen. Er erkennt fich vom Anfänge nicht blos als Einer unter den Vielen, sondern als Glied einer Reihe von Entwickelungen seines eigenen Wesens. Das Urbewußtsein des Menschen ist, daß alles Leben, das einzelne und volksthümliche, fich zur Menschheit entwickelt, nach einem Gesetze, welches in ihm selbst liegt, aber seinen zeitlichen Mittelpunkt hat in der Menschheit, seinen ewigen in dem Gedanken der Gottheit von ihr. „Alle Völker, welche aus thierischer Dumpfheit erwachen und fich über den Drang der Rothdurft erheben, tragen in fich die Ahnung und den Glauben, es wohne der Menschheit ein göttlicher Beruf ein, fie habe ein göttliches Ziel vor fich, wie ein göttliches Beginnen hinter fich. „Die Menschheit dringt vorwärts, indem Licht und Schatten wie Tag und Nacht in ihren Theilen wechseln: der Einzelne stirbt, die Völker vergehen, aber aus dem Tode der Einzelnen, wie aus dem Untergange der Völker sprießt neues Leben hervor. Kein Leben anders als aus dem Tode und zum Tode, aber aller Tod zum höhern Leben, nach der sittlichen Weltordnung, welche der Gedanke der ewigen Liebe ist. „Was die edelsten Stämme zuerst schaffen, in Sprache und Religion, in Kunst und Wissenschaft, in Gemeinde und Staat, wird ausgeprägt für die ganze übrige Menschheit, welche durch diese Bezeugung der Ebenbildlichkeit Gottes mächtig angeregt und zu eigener Förderung dieses Kosmos, des Gottesreiches, begeistert wird. „Ihr könnt nicht Religion haben ohne Glauben an eine sittliche Weltordnung! Ihr könnt diesen Glauben nicht erhalten, ohne ihn zu verwirklichen! Kein Volk glaubt wirklich an eine solche göttliche Ordnung, wenn sie fich ihm nicht verkörpert, wenn fie fich nicht verwirklicht in dem Gesammtleben. Der reinste Glaube verkümmert oder wird zu einem fressenden Wurme, wenn die Wirklichkeit im Staate und im Leben mit diesem Bewußtsein in grellem Widerspruche steht, wenn Unrecht sich auf den Stuhl des Rechtes setzt und Lüge aus den Thron der Wahrheit." Mit diesem letztem Satze wendet sich Bunsen auf die Zustände der neueren Zeit, mit Worten, welche wir hier nicht wiederholen können, ohne Anstoß zu geben. Die obigen Aussprüche geben uns also sogleich die Hauptgedanken des Verfassers. Und fürwahr, wie fie hier so klar und bestimmt hingestellt find, find sie uns aus der Seele geschrieben. Wir haben fie auch unsererseits oft genug zum Ausdruck gebracht, und verweisen z. B. auf unsere „Schlußbemerkung zu den Propheten", s. unser Bibelwerk Band II. Seite 1559. Es find Gedanken , welche von der heiligen Schrift in ihren tiefsten Tiefen als ewige Wahrheit ausgeprägt worden, welche sie schon auf ihren ersten Blättern zur Basis der Menschengeschichte macht. Was anders bedeutet fie durch die Aufzählung von zehn Geschlechtern von Adam bis Noach, durch ihre Motive der großen Fluth, dann von zehn Geschlechtern von Noach bis Abraham und das Auftreten der bewußten Gotteslehre in diesem? Demnach müssen wir uns schon hier verwahren, als ob wir mit Bunsen, sowohl an Auffassung und Gedanken, als an Form und Ausdruck, überall übereinstimmen. Bunsen gehört zu dem Kreise älterer Gelehrten, 1*