Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 20 (1856)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1856)
- Date
- 1856-12-22
- Page
- Seite 693 (sequence 5)
- Language
- German
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Himmel mit Menschenblut färben möchtenin solcher Zeit darf der! Rest Judas nicht in Spaltung, in zwei Lager gerathen, nur auf einheitlichem, friedlichem Wege führt Gott uns zum wahren Ziel. Mehr als je gilt daher jetzt die Mahnung unserer. Weisen: Nur Einheit und Frieden! Charakter und Würde des Rabbinen leiden nicht darunter, wenn er die religiöse Praris in seiner Gemeinde auch nicht alsbald nach seiner besseren Erkenntniß umgestalten kann. Mag die religiöse Praris eine Form haben, welche sie wolle, wenn sie nur Andacht erweckt und ächte Gottesfurcht erregt. — Worauf aber in den jüdischen Seminarien bedeutend mehr Rücksicht genommen werden muß, das ist die Ausbildung der Vorsänger und Religionslehrer, weil diese m den Gemeinden, wo kein Rabbiner ist, alle geistlichen Functionen zu verrichten haben. Auf meinen verschiedenen Reisen fand ich, daß in allen jenen Synagogen, wo mit Würde und Innigkeit. vorgebetet wirdder Vorbeter'selbst also vom-Geist und von der richtigen Bedeutung seines Berufes durchdrungen ist, Ruhe, Ordnung und Andacht herrschte; wo man aber lediglich den Gesang pflegt, großartige Gesangstücke„ aufführt und das kräftigekernige, oft vielsagende hebräische Wort mit seinem starken Knochenbau minder beachtet, da lauscht das Ohr des Kenners wohl auf die schönen Töne, aber das betende.Publikum wird nicht, angeregt. Die Gesangfreunde ergötzen sich wohl hierbei, besonders wenn oft Neues producirt wird, aber gottesdienstliche Befriedigung gewähren die besten Melodien nicht, wenn nicht Herz und Gefühl dem Worte Wohlklang verleihen. Hierzu ist aber von Seiten des Vorsängers zunächst erforderlich, daß er den Geist der Gebete lebendig erfasse, sie müssen ihm erst ins-Herz gedrungen sein, daß sie wieder aus und zu dem Herzen gehen — dies gilt von den hebräischen und deutschen Gebeten. Grammatisches Verständniß und Kenntniß des hebräischen Wortes sind nicht hinreichend, eS muß vielmehr auch der innere Wohlklang, oder die Sprachschönheit vom Vorbeter herausgefühlt werden, so daß der. Mitbeter gleichsam.unwillkürlich seine Andacht auf solche Stellen concentrirt, wo er mit dem betenden Worte gleichsam .zum Allheiligen emporgehoben wird. Darin bestand hauptsächlich die Kunst des in Paris verstorbenen berühmten Vorsängers, Israel Levi aus Glogau. Ihm nachahmend, beteten auch ehemals mehrere^ Vorsänger in Frankfurt am Main mit Einfachheit und Würde vor. — Stetigkeit und Einfachheit sind eine Zierde des Vortrages überhauptbesonders aber des hebräischen; darum Müssen alle Schnörkeleien rc. beseitigt werden, die Kehlfertigkeit muß der Zungenfertigkeit weichendas kräftige Wort muß dem überflüssigen Gesang vorgezogen werden. Jedoch gehört zum Vorbeterdienst auch eine angenehme und gebildete Stimme, aber ein vollständig kunstgerechter und fertiger Sänger ist nicht nöthig; wenn der Vorbeter nur so viel musikalische Bildung besitzt, daß er die Synagogen-Melodien sich gut einüben kann'und richtig vorzutragen versteht, dann leistet er hierin genug. Nicht nur einige Musikstunden, wie sie gewöhnlich den Seminaristen und angehenden Vorsängern ertheilt werden, sondern eine praktische Anleitungin und zu allen Obliegenheiten deS VorbeterämteS muß gegeben werden; denn aus gröber Unwissenheit hat schon mancher ytö die frömmsten Functionen profanisirt. Der gute Vorbeter muß Kenntniß Haben vori den verschiedenen Cültusformen der verschiedenen Sabbathe und Feste deS Jahres und von den in den Gemeinden stattfindenden neuen und alten Modifikationen , er muß die Fest- und Trauergebräuche kennen, damit er das Würdige vom Unwürdigendas Heilige vom Gemeinen zu unterscheiden weiß.- Unsere Alten haben vom Vorsänger nur beanspruchtdaß dessen Stimme und Vortrag den Zuhörem zu Herzen gehe, da hat's denn auch nicht an Andacht gefehlt. Wird demnach vorerst dafür gesorgt und darin stoßen wir auf gar keinen Widerstand— daß der Vorbeterdienst mit mehr Würde und Heiligkeit verrichtet wird, dann kehrt auch überall wieder Andacht ein und mit dieser gewiß auch der rechte Sinn für nothwendige Verbesserungen, der äußere Anstand führt auch hier zum inneren. Zu hüten hat sich jeder Vorsänger vor dem großen Fehler, daß er mehr Aufmerksamkeit auf den Gesangals auf die kräftige Aussprache des Wortes lege, wie z. B^ der Vorsänger S. in Hannover, der eine recht schöne und gebildete Stimme entwickeltvor lauter Gesang aber vernimmt man bei ihm kein deutliches Wort. —- Auch vor dem Fehler der der polnischen Schule angehörigen Vorsänger muß man sich hüten, die gewisse Bravourstücke haben, wie z. - B. Herr Lichtenstein in Berlin einige Gebete und Gesänge ganz meistermäßig vorträgt, während er über so viele gleich-