Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 20 (1856)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1856)
- Date
- 1856-11-17
- Page
- Seite 632 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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632 Ker^ Satte dem Hungernden nicht so fern, daß er sich in seine/ Lage nicht sollte hineindenken können. . " " So erziehst Du uns auch zur Vaterlandsli ebe und zur Vürg ertreue. In /fast sämmtlichen deutschen Staaten lassen noch politische und sociale Zurücksetzungen auf uns, es sei nun gemäß,. eS sei WeN/den,BuKstaben der , Gesetze d'eS Landes. Aber wir suhlen, daß dasjenige, was wir vom Staate empfangen, noch immer unendlich mehr ist als das, was .er uns versagt/ und — selbst unsere Gegner thun uns die Ehre an, von uns in eintretenden Fällen von unserer Treue und Hingebung nicht weniger zu verlangen und zu erwarten, als von ihnen selbst, für deren Nachkommen der Staat schon heute den vollen. Tisch gedeckt hat,, verlangt und erwartet wird. Aber Du blässest uns, o großer Meister, hier. in deutschem Lande die.Krone nicht ohne Kampf erringen, Du hast ,unS. im DtaatSleben, im Geschäftsleben, im wissenschaftlichen, und im geselligen Leben täglich neue Schwierigkeiten in/den Weg gebracht, um. unfern. Sinn zu befestigen,. unfern.Muth zu beleben und schlummernde Kräfte in uns zu erwecken, so daß wir denjenigen unserer Mitbrüder, denen in anderen Ländern Alles ohne ihr Zuthun zuffel,..noch von unserem Reichthum abgeben, und daß wir . eS. nicht einmal für nötbig halten, denen, chie uns verunglimpfen, die in dieser Zeit übergroße Zahl großartiger Verbrecher vorzurücken, unter denen man vergeblich einen Juden sucht. So wie. Du, o Gott, uns überall besondere Veranlassungen, giebst, in dem Leben der Gesammtheiten wie der.. Einzelnen Schein von Wesen, Maske von.Antlitz, Werth .von Flitter, Wortschwall von Vernunft zu unterscheiden , so auch namentlich in letzter Zeit im..kirchlichen Gebiete. Wir haben es klar gesehen, daß das prahlerische Geschrei: hier ist die Liebe!; die Milde! die Ver- Mnung!. nur Haß und Fanatismus und Zwietracht, barg. Wir haben, da insbesondere gelernt den alten Fehlgriff zu meiden, als bilde der Glaube an fich schon eine Tugend. Vielmehr fühlen wir uns noch heute, gleich unfern Großvätern in ihrer Weise, für alle Zeit auf die nützliche und gerechte Tbat angewiesen. Und deshalb ist auch unsere Philosophie ein reines Streben nach Wahrheit und geht von keiner Voraussetzung aus wie unsere literarischen , artistischen und wissenschaftlichen Gegner es. in ihrer Befangenheit bewußt oder unbewußt täglich thun.; Du hast uns das Bittere des National- und Racen- StolzeS. bis auf die Hefe trinken lassen. Ganz geheilt find wir noch nicht, .von diesem Stolze, obgleich Viele aus unserer Miste ' ins Gegentheil , in Feinde, und Verächter Israels umgeschlagen/ Andere diesem.Stolz nur eine andere Fahne gegeben und statt der absolut jüdischen, blos einer neueren Amkadosch-Jdee stöhnen. Nein, wir find noch nicht ganz geheilt von diesem'Laster*). Laß uns indessen, . 6 weiser Erzieher, annehmen, Du gönnest uns noch einstweilen diesen Rest als einen kleinen»Trost, als eine kleine Beruhigung bei so manchen fortwährenden Kränkungen, über die fich stoisch hinwegzusetzen ja nicht von Jedem gefordert werden kann. ' Dennoch aber, Dank, o erziehender Vater, jubelnden, unendlichen Dank dafür, daß Du uns der deutschen Nation beigesellt hast. Nur da konnte unser höchstes Gut, unser Familiensinn**), unsere Liebe zur bürgerlichen Ordnung reifen. Ja, gerade der so schwer überwundene, so oft in tausend nutzlosen Kränkungen erscheinende.Widerwillen der Deutschen gegen uns, — eine natürliche Frucht ihrer Zerrissenheit,, Unfteiheit und starrgewordenen Schichtenlagerüng — bezeichnen uns als mißhandelte zwar, aber als ächte. Söhne des Hauses. ,. *) Wir halten dies für eine zu weit gehehende falsche Demuth, da der ganze Inhalt dieser Meditation doch nichts Anderes vermag, als die Mission Israels, die höchste unter den Aufgaben der Völker, und-wie diese Mission sich immer mehr verwirklicht, zum Bewußtsein zu bringen! Redaction. **) Nichts für ungut! dieser konnte nur in Deutschland reifen. In östlicheren Ländern, wo das.Kost-Versprechen dem Familienleben von vorn herein den Boden entzieht, giebt es fast so viele Scheidungen als Ehen, und im eigentlichen Orient erfordert die Vielweiberei'beständiges Auseinanderhalten der Eigenrhumsverhältnisse ^)... .■ Corresp. t) Mit Verlaub des Herrn Correspondenteu! Ist dies nicht wieder der Nationalstolz in andrer Form? Aus dem Ghetto von Rom und aus den kleinen jüdischen Gemeinden Schottlands und aus der großen in Lissabon dasselbe Lob'eines ausgezeichneten Familienlebens., Und wenn es wahr ist, daß in Polen und Rußland die Ehescheidungen häufig, so ist dies eine Anomalie, aus den allzüfrühen Eheschließungen hervorgehend,- und dennoch der Eltern-, Kindes-, Geschwisterliebe die Energie nicht raubend. .Da außer der, die Familie so innig umfassenden Religion Israels und außer.einer gewissen Herzensinnigkeit, einer Jntenfivetät der Gefühle/ welche dem jüdischen Stamme nicht abgesprochen werden kann, überall derselbe Factor, die-Unterdrückung und Ausschließung, die Juden seit Jahrtausenden auf das Familienleben hingewiesen hat, so hat. sich..dies auch üb,er alt im jüdischen Stamme zur schönsten Blüthe'enMtet. " Redaktion.