Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 20 (1856)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1856)
- Date
- 1856-11-17
- Page
- Seite 633 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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633 Aber vor Allem ist, o unser Lehrer, Dein segnender Finger darin sichtbar, daß wir Teilnehmer sind an dem zumeist auf geistigen Einfluß gewendeten deutschen Weltbürgerfinn, an deutscher Humanität, deutscher Wissenschaft, deutscher Kunst und Musik, deutscher Poesie, die.ulis und durch unS auch unsere nichtdeutschen Brüder beseelt und gehoben hasten. Aus den Quellen unserer Alterthümer begeisterten sich Reuchlin, Luther, Burtorff, aus Spinoza alle deutschen Weltweisen*), und reichliche Vergeltung haben wir. und durch uns ganz Israel empfangen durch Wolf, Kant, Lessing, Herder, Mozart, dann durch Schiller, unseren geistigen Verwandten, in dessen Gesängen wir den Kern unserer alten Lehre, die Sprache unserer alten Propheten wiederfanden; endlich durch sie alle, die deutschen Forscher der Natur, der Gottes - und der Menschenlehre bis auf diese Stunde, von den Hochschulen herab bis auf die kleinste Verzweigung des Unterrichts, von den gelehrtesten Werken herab bis auf das kleinste der Kinderbücher. Alles, Alles , was wir an Erleuchtung, an Kunstbilvung, an Geistesfreiheit, an besserer Kenntniß — sogar unserer eigenen Urkunden — errungen haben und noch erringen, jeder Fortschritt, der durch uns bei unseren außerdeutschen Mitbrüdern angeregt wurde, der stießt aus diesem unversiegbaren Quell, der uns nie untreu werden kann, weil wir mit allen Kräften unserer Seele damit verwachsen find. Darum tausendfachen Dank Dir für diese größte aller Wohlthaten! , So erziehst Du' uns, Du versorgender Gott, heute wie von jeher, und so wirst Du fortfahren, damit wir befreit werden von allen den Übeln Eigenschaften, die. uns anhaften und die kein Sterblicher besser kennt als wir selber; damit wir immer mehr dem großen Bau der Humanität unsere Kräfte widmen und ihn fördern können. Es mögen Dir Wohlgefallen die Worte meines Mundes, die Gedanken meines Geistes! Amen! Zeitungsnachrichten. Deutschland. Eßlingen. Württemberg), im November. (Privatmitth.) Am 3V. October feierte die „Wilhelms¬ *) Vergißt der geehrte Verfasser dieses Artikels Mendelssohn, dessen Phädon in die meisten lebenden und in mehrere todte Sprachen übergetragen wurde, und an dem sich so viele Geister erhoben, erlabten und bildeten?, Redaction. pflege" ihr 25jähriges Bestehen. Um 9 Uhr waren, die Räume dieses Waisenhauses von Besuchern gefüllt. Gesang her Waisen und frommes Gebet leitete die Feier ein. Um 11 Uhr versammelten sich die Festtheilnehmer; int Saale deS Museums, der bereitwillig zum Zwecke der Feier überlassen wurde. Der geschmückte. Saal war durch die bekränzte. Büste Sr. Majestät des Königs festlich geweiht. Vierstimmiger Männergesang, von Mitgliedern der Königl. Oper ausgeführt, stimmte zu frommer Rührung. Herr Kirchenrath Maier von Stuttgart leitete die Festrede mit den Worten des Psalmisten ein.: „Diesen Tag hat Gott gemacht, laßt uns fröhlich sein und frohlocken an ihm." Der Vorsteher der Anstalt. Herr Adolph Levi, trug dann die Geschichte des Vereins vor, und knüpfte daran den tiefgefühlten Dank'für den allerhöchsten Gönner der Anstalt, dessen hohen Namen sie trägt. Im Jahre 1830 schon, als die bürgerlichen Verhältnisse der Israeliten Württembergs gesetzlich geregelt waren, traf der Buchhändler Heß von Ellwatrqem die erstenEinleitungen zur Gründung eines israelitischen Waisenvereins. Der verstorbene vr. Dreifuß ergriff den Gedanken , mit Lust undEifer Unb der Verein constituirte sich, so daß am 51. Geburtsfeste Sr. Majestät deS Königs, am 27. September 1831, derselbe schon "acht Kinder in Lehrerfamilien aus dem Lande unterbringen konnte. Bis zum Jahre 1841 brachte der'Verein durch die freiwilligen Liebesgaben, seiner Contribuenten es dahin, daß immer mehr Waisen jährlich in Verpflegung gegeben werden konnten, und durchschnittlich gleichzeitig 25 — 26 Kinder durch den Verein Schutz und Hülfe fanden. Da gab die herannahende Feier der 25jährigen Regierung unseres Landesvaters dem unverdrossen für das Wohl des Vereins arbeitenden Vorstände vr. Dreifuß einen willkommenen Anlaß, den Plan der Vereinigung der zerstreuten Zöglinge unter gemeinsamem Dache ins Werk zu setzen und das patriotische Verlangen, durch die Gründung eines jüdischen Waisenhauses ein weiteres Denkmal der Liebe und Verehrung zu den vielen andern zu reihen, womit damals das Volk von der dankbaren Anerkennung der hohen Verdienste seines geliebten Königs Zeugniß abzulegen und seiner begeisterten Empfindung Ausdruck zu verleihen sich beeiferte, half das Werk schnell gründen. Die damals kaum 8000 Seelen betragende jüdische Bevölkerung Württembergs steuerte