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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1856-10-13 · Heft 42 (13.10.1856) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
20 (1856)
Issue
Heft 42 (13.10.1856)
Date
1856-10-13
Page
Seite 571 (sequence 7)
Language
German
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571 ,M.s ich den Ghetto zum ersten Mal besuchte, war der- Tiberfluß, vom /Herbstwasser angeschwollen, gerade ausgetreten und seine gelbe Fluth strömte durch die Fiumara, .die unterste Ghettostraße, deren Häuserfundamente UN.mzttelbar als , Quai den Strom selbst .einfassen; es strömte, der. Fluß auch' am -Bogen der Octavia und das Wasser bedeckte die untern Räume der am tiefsten stehenden Häuser. Welch ein. unsäglich melancholischer- Anblick, das^ elenVe Judenviertel in den trüben Tiberfiuthen »ersurssen. zu sehen! Alljährlich geschieht-es, daß Israel in Rpm die;Sündfiuth erleben muß und daß der Ghetto in den Wellen schwimmt wie die -Arche Noah mit Menschen . und Gethier, Bisweilerr steigt.die Roth .fürchterlich,, .wenn der Tiber, vom Schnee der-Berge und der Regenffuth schwellend, noch^ durch den. Westwind vom Meer zurückgetrieben, überströmt; dann flüchtet sich, was zu; unterst wohnt, in die obern Stocke, welche sich unerträglich anfüllen und von erstickender Atmosphäre sich durchpesten. Das. Unglück ist größer, weil die Nahrung und der Erwerb stockt und die. ■ Fluth verwüstet, was nicht rettbar ist. Man zeigte mir im Ghetto die Marke, welche den Wasserstand des Tiber während der großen Ueherschwemmung vom Jahre . 1846 bemerkt; die Fluth hatte damals alle untern Zimmer bis zur Decke ungefüllt. In verwichenem Herbst. und in diesem Frühjahr war der Tiber nur für kurze Zeit ausgetreten, doch dünkte mich auch, diese Noch bereits höchst empfindlich für das arme Volk und ihre unausbleiblichen Folgen äußerst traurig bei so großer Inge und so. großer Armuth.. Gleichwohl wurde mir gesagt, daß die Sterblichkeit, während des. Cholerajahrs 1837 im Ghetto sehr gering gewesen sei; mißt man sie nach den Leichensteinen der Juden, so erscheint die Zahl der Todten dieses Volks sehr gering; denn diese weißen Steine mit ihren Inschriften stehen vereinzelt und wie ein ärmliches Häuflein beisammen, auf einer klassischen Stelle Roms, in einem Winkelndes aalten 6ireu8 maximus, mitten im wilden grünen Gras und unter giftblumigem Schierling überraschend malerisch. Denn dort, in der ältesten, von Tarquinius Priscus gebauten Rennbahn Roms liegt heute der Judepkirchhof, Or.to degli Ebrei genannt. So wandeln sich die Zeiten. — „Gehen wir nun in eine der Ghettostraßen selbst hinein, so finden wir Israel vor seinen Hütten in voller rastloser Arbeit und im Mühsal begraben. Sie fitzen in den Thüren oder draußen auf der Gasse, die kaum mehr Licht gewährt als , die feuchte und dumpfige Kammer, und wüsten im Plünderkram oder nähen und.sticken emstglich. Es ist nicht zu sagen, welches Chaos von Flicken und Lappen (Oenei genannt im Italienischen) hier zusammengehäuft ist. Hausenhoch liegen, die Lappalien vor den thüren, und jeglicher Art und Farbe, goldiges-Fransengeflitter, Stückchen Seidenbrocät, Sammetläppchen, rothe Flickchen, blaue Fetzchen, orange, gelbe, schwarze, weiße, alte, zerschlissene, zerfaserte, abgeriebene Stücke und Stückchen. Ich habe nimmer ähnlichen Plunder gesehen. Sie sitzen nun davor und wühlen in dem Meer von Flicken, als suchten sie nach Schätzen, wenigstens.nach einem versunkenen Goldbrocätchen.. Da fitzen nun die Frauen und Männer, Mädchen und Kinder und nähen, was nähbar ist, mit einer , unendlichen Kunst und Ausdauer. - „Doch es ist nicht der Zweck dieser Blätter," fährt der Verfasser fort, „Ghettomysterien des.Elends, aüszumalen und jene dunkle Lebensweise, der Dürftigen in.ihren von Menschen überfüllten Kammern zu beschauen; findet man doch allerwegen in den größten Städten der Erde und unter den civilifirtesten Nationen Europas, ein gleiches, wenn nicht ein größeres Jammerleben. Auch soll man nicht glauben, daß der Ghetto Roms,, was Straßen und Wohnungen betrifft, an fich. elender.sei als ähnliche Viertel der Armuth in vielen'andern Städten der Welt. Lieber sage ich, daß diese Juden Roms in ihrer Armuth reich find an Menschlichkeit, unter fich, daß der wohlhabende dem elenden gern Hilft, daß der aufopfernde Familiengeist, das dauernde Erbe Israels, nirgends so mächtig und so wohlthätig sich zeigen möchte als dort, und daß es Thatsache ist, wie diese nüchternen und fleißigen Menschen selten um Verbrechen willen gestraft werden. Was den Betrachter des Ghetto am meisten schreckt, ist wohl die fürchterliche Enge und der Schmutz dieser gewinkelten Gassen und Gäßchen, deren Häuser hoch und schmal sich heraufstrecken. Es sitzen darin die Judenfamilien wie in einem römischen Kolumbarium übereinander geschichtet; und auffallend ist gerade hier in Rom eine solche Beengung menschlicher .Wohnungen, in einer Stadt, welche, in endloser Ebene hingebreitet, selbst charakteristisch ist durch ungeheure Räume/ durch große und erhabene Dimensionen in den Architekturen und durch Paläste, welche, kolossal wie sie sind, zum Theil öde stehen, und von denen vielleicht einer genügte, die halbe Ghettojudenschaft bestens zu behausen. ^.Jn herrlichen Sälen wohnt das steinerne Volk der Statuen unter kühlen Springbrunnen. Die marmornen Reste des Ilterthums find bis auf die kleinsten Trümmer königlich lo-

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