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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1856-10-13 · Heft 42 (13.10.1856) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
20 (1856)
Issue
Heft 42 (13.10.1856)
Date
1856-10-13
Page
Seite 570 (sequence 6)
Language
German
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570 Mittelalterlichen Sitte nahmen die jüdischen Täuflinge die Namen " ihrer vornehmen Püthen ' aM Der Gegenpapst Anaklet II. war von jüdischem Geschlecht y der Papst Leo IX. legte einem getauften römischen Juden seinen Nauien bei> der Sohn des Letzteren war Piero di Leone, nachmals Cardinal vott Santa Maria in Trastevere, später Gegenpapst von Jnnocenz II„ feierlich in St. Peter'eingesegnet, Stifter und Haupt der berühmten römischen Familie Pier Leone. Nach der oben erwähnten Sitte gab, es jüdische Eolonna, Massini, Orsini, ja man behauptet heut zu Tage in Rom, daß manches stolze römische Fürstengeschlecht, nachdem es ausgestorben, durch Juden aus dem Trastevere fortgeführt worden sei.; „Es gereicht Pius IX. zur Ehre, daß er, menschenfreundlich und liberaler als seine Vorgänger, die Ghettoschranken niederriß, und dies geschah, wie es mir Juden ausdrücklich selbst bemerkten,' nicht durch die jüngste Nevdlution in Rom, sondern ein Jahr zuvor, da die öffentliche Meinung und der reformirende Sinn des Papstes dieses Zugeständniß -an die Moral des Jahrhunderts verlangten. Es fielen demnach alle jene Mauern und Thore, welche den Ghetto sperrten; Ciceruacchio legte selbst Hand an, als man sie niederriß; der Umschwung der öffentlichen Grundsätze hatte auch die erfreuliche Folge, daß den Juden die Erlaubniß zu Theil wurde, überall in Rom wohnen zu dürfen, und nicht minder das Recht, Gewerbe und Handwerke zu treiben. Der Ghetto ist also als Zwinger aufgehobendoch besteht er factisch fort als das traurigste Quartier Roms, ein Winkel des Schmutzes und der Armuth, und nicht leicht.macht der Jude von seinem Rechte Gebrauch, in die Mitte der Stadt zu ziehen, weil, wie man mir sagte, was nun das Gesetz freistemdoch durch das unausrottbare Vorurtheil unendlich erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht wird. „Die politische Reform des Jahres 1847 bezeichnet also bas -Ende jener fürchterlichen Sklaverei der Juden Roms, welche so viele Jahrhunderte hindurch gedauert hat; so wenigstens hoffen wir, daß die Macht der öffentlichen Meinung sich stärker zeigen werde als ein willkürliches Vorurtheil, wenn es sich in späterer Zeit erneuern sollte, und daß die geringen Freiheiten, welche nunmehr die Hebräer errungen haben, sich auch so weit ausdehnen werden , daß ihnen ein -ungeschmälerter Anthril an allen Gütern der Cultur und der Civilisation gegeben werde: Die! Aussichten stehen freilich in der Ferne, » aber st^-stüd'Näher'-gerückt.- : J ^Gegenwärtig -' berechnet ntandie 'Gesammtzahl der Ghettobevölkerung ^auf00- Menscheneine unverhältnißmäßig große Menge, überblickt man den kleinen Raum des Ghetto, welcher an Flächenausdehnung weniger beträgt als dey fünfte Theil irgenv -eines Städtchens-von 3000 Seelen. Die ganze Judenschaft (Universita 4egli Ebrei) steht unter der obersten Congregation der Inquisition, und ihr Specialmagistrat für alle civilen und criminellen Vorkommenheiten ist das Cardinalvicariat. Das Tribunal, welches sie richtet, besteht aus dem Tardinalvicar, aus dem Prelato Vicegerente, dem Prelato Luogotenente Civile und dem Criminallieutenant. In polizeilichen Angelegenheiten übt die örtliche Polizeimagistratur der Präsident der Region von San-Angeld und' Campitelli. Die jüdische Gemeinschaft selbst hat das Recht, ihre innere Ordnung durch drei sogenännte Fättori del Ghetto zu regeln, welche auf ein halbes Jahr gewählt werden. ' Diese sorgen für Erhaltung dev Straßenordnüng, für Erleuchtung und Brunnen, vertheilen die Abgabenauf die Einzelnen, tarirensie nach dem Vermögen, handhaben Krankenpfiege, Almosenspende und dergleichen. Im Ganzen beträgt die jährliche Abgabe des Ghetto an den Staat und an.verschiedene religiöse Körperschaften gegen 13-000 Francs. „Man gelangt züm Ghetto entweder von der Stadt her am Marcellustheater und-an der Halle der Octavia durch die Straße der Savelli, oder vom Trastevere über die Tiberinsel und die Brücke Qnattro Capi. ' Von dieser Brücke übersieht man das schönste und originellste Bild des antiken und mittelalterlichen Roms, ein Gemälde, das fremdartig und hinreißend ist, wie kaum ein zweites in dieser Stadt der Erinnerungen: Dort sieht man das malerische Trastevere mit seinen - alten Architekturen und zersplitterten Thürmen, sieht über dem Fluß die römischen Bogen des Ponte rolto und darüber den schönen Vestatempel, den alten Thurm der Santa -Maria in' Cosmedin, die riesigen Trümmer der Kaiserpaläste mit ihren schwarzen Cypresfen und in der Ferne die- Gipfel des Albanergebirgs; vor sich aber sieht man die Häuserreihe des Ghetto, thurmartige Massen, bizarr gebaut, mit vielen Blumenscherben an den Fenstern und zahllosem> an die Wände gehängtem' Hausrath, der Reihe nachaus dem Fluß aufsteigend, dessen trübe Wellen an den Mauern hinrollen. Mit wenigen Schritten ist man von der Brücke in den Ghetto hinuntergetreten , der sich tief absenkt, wo nun-das Volk Israel an-den Wellen des Tiber seine Harfen aufgehängt hat, wie 'einst an den Wogen des Euphrat. - - - -

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