Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 20 (1856)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1856)
- Date
- 1856-09-15
- Page
- Seite 513 (sequence 5)
- Language
- German
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513 an dergleichen Physiognomien wenig gewöhnte Börse geführt, die eben keinen angenehmen Eindruck gemacht haben. Der hiesige Kaufmann ist zu sehr gewöhnt an ausdauernde,- sichergehende, auf natürliche Conjuncturen in Maaren beruhende Arbeit, als daß dies Lauern auf meist durch individuelle Ansichten und Leidenschaften bedingte Fluktuationen, dies Fingiren und Ueberlisten nach seinem Geschmack sein sollte. Hoffen wir, daß die gesunde Natur des hiesigen Geschäfts diesen Geist in seine gebührenden Bahnen beschränken wird, deffen Uebersiuthen nothwendig unseren jüdischen Kaufleuten eine bisher unbekannte diffonirende Stellung anweisen würde. Merkwürdig ist's doch, daß gerade die jüdischen Schüler Saint-Simons — Pereire und Olinde Itodriguez — es sind, die den concreten Theil seiner Lehre im Affociationswesen zur Ausführung bringen*). Man glaubt in London, daß Herr David Salomons zum zweiten Male zum Lord-Mayor erwählt werden wird. Nach der fast beispiellosen Ehre, die ihm von der Corporation Londons erzeigt wurde, daß nämlich sein Bild in Guildhall aufgehängt und eine besondere Dankadresse an ihn gerichtet worden, in der auch von seiner Religion rühmend die Rede ist, erscheint das wohl denkbar. Auch knüpft.sich eine Demonstration daran, da man es in London übel vermerkt hat, daß der Lord-Mayor, nachdem er die größte Stadt der Welt dem Könige von Sardinien.gegenüber rcpräsentirt hatte, dem Gebrauch zuwider nicht zum Baronet creirt wurde. Die Londoner sagen, der deutsche Prinz habe es aus Intoleranz verhindert; das kann indeß nicht der Grund sein, da Montefiore und Goldsmith in seiner Zeit zu Knights gemacht wurden. (Allein seitdem ist der Wind doch etwas anders geworden. Redact.) Von einem Herrn Deutsch in Wien ist hier eine Denkschrift gegen die Frankl'schen Bestrebungen in Jerusalem eingelaufen. Derselbe gerirt sich als der Vertreter der orthodoxen Partei und bethätigt auch diese Qualität vollkommen , indem - er sich nach deren loMic^et; Gewohnheit denunciando an die Re¬ *) Ich bitte hier um Raum für die Notiz, daß zufolge der neu erschienenen Slalistique religieuse de Paris vom Vicar Darboy die Juden dort 10,719 an der Zahl sind. Wie dies ermittelt worden, ist nicht bemerkt. Corr. Das Annuaire officiel du; Culte israelile d. I. giebt dagegen 18,000 an. Redact. gierungsbehörden wendet, und gleich von der günstistigen Aufnahme semer Denunciation zu erzählen weiß. Ohne Zweifel wird die k. k. Regierung nun gleich ein Kriegs-Geschwader nach Joppe schicken und durch eine Division Landtruppen alle Furchendes Jarden besetzen lassen, um einen trojanischen: Krieg gegen dieprojectirte Kleinkinderbewahranstalt zu führen. Grund zum Schreien haben indessen die Rabbiner in Jerusalem allerdings, denn eine bessere Erziehung der Jugend bedroht ihre ganze Existenz, und ihr Cherem gegen diese Bestrebungen ist eben so berechtigt und wird gewiß eben so wirksam sein, als das rabbinische Anathema vor 80 Jahren gegen Mendelssohn's Tora- Uebersetzung, vor 50 gegen die Pariser Beschlüsse, vor 45 gegen die Casselaner, vor 40 gegen die Orgel, vor 12 gegen die Rabbinersynoden, vor 8 gegen die british Jews, und neulich gegen die Mischehen und Alles, was damit zusammenhängt. Denn die Juden, die jetzt in Jerusalem leben, sind nicht dahin gesandt, um zu kaufen und zu verkaufen, zu hämmern und zu weben, zu ackern und zu nähen, was sie überall besser könnten als auf jenem steinigen Boden in einem Winkel Syriens, in einer wasserlosen, ungepflasterten Stadt. Vielmehr sind sie durch die Gelübde der Frommen, durch die Gedichte der Romantiker, durch die Jmitationssucht der Salonspietisten berufen, um auf jenem Platze durch ein unablässiges Gebetmurmeln magische, thaumaturgische, nekromantische Wirkungen auszuüben, und.wenn ein deutscher Geldwechsler glaubt, daß davon insbesondere das Steigen seiner Actien und Papiere, also auch das Wohl des Staates abhängt, so entfernt, er. sich gar nicht aus dem Jdeenkreise, der die neugeistigen Liebhabereien für jene Regionen unter uns erzeugt hat. Wem wird's denn einfallen, die Kinder der Bewohner von Mecca, Santiago, Loretto oder Lhaffa zur Arbeitsamkeit anhalten zu wollen? Aber in unseren civilisirten Ländern mutz dem ganzen Jdeenkreise , aus dem jene Jerusalemsmarotte entspringt, entgegen gearbeitet werden, sonst schreiten wir inner-' halb des Judenthums bezüglich Aufklärung und Toleranz immer mehr zurück, wie wir das auch schon seit fast zehn. Jahren fortwährend - thun. Fanatismus bleibt Fanatismus, möge er salbungsvoll, wie neulich sogar in dieser Zeitung, sagen: „die Duldung muß eine Grenze haben", oder naiv mit der Mar-.. ' quise von Mondekar sprechen: „es sind ja Ketzer, die