Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 20 (1856)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1856)
- Date
- 1856-09-15
- Page
- Seite 512 (sequence 4)
- Language
- German
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312 bald dahin sein, wenn nicht Anstalten geschaffen werden, wo es dem jüdischen Jünglinge ermöglicht wirdneben seiner theologischen Ausbildung auch Me wissenschaftliche zu erhalten. Unsere sogenannten^ Frommen wollen die jetzt herrschende Stimmung auch für sich ausbeuten, und glauben nichts Besseres thun zu können, als haß sie das alte Bachurim-Wesen wieder einführen; aber ste sehen nicht ein, daß die andern Confessionen die Wissenschaft der Religion dienstbar zu machen suchen, während sie solche ganz zu entfernen bestrebt sind. Und wahrlich, großem Schaden haben selbst die größten Freigeister nicht angerichtet, als diese Frommen. Wie dieses übrigens anders werden soll? ist eine Frage, für welche eine praktische Lösung jetzt schwer erzielt werden dürste. Am zweckmäßigsten wäre es freilich, wenn wir eine Centralbehörde hätten, die dann gewiß alle derartige Angelegenheiten nicht unbeachtet laffen könnte. Aber werden wir eine solche erhalten? Ich glaube, so leichterdings nicht. Denn als im Jahre 1849 in einer Thronrede die Einsetzung einer obersten Syvagogenbehörde verheißen wurde, da petitionirten mehrere Rabbiner dagegen, und wie es scheint, aus dem unedeln -Motive, weil jede Richtung befürchtete/die Partei der andern könnte ans Ruder kommen, und man ließ lieber Alles dem Verfalle über, als man sich auf kurze Zeit in eine unangenehme Nothwendigkeit fügte. Denn daß auch auf diesem Gebiete Systeme und/Persönlichkeiten wechseln würden, wird wohl nicht bezweifelt werden. Und auch hier vermögen die Persönlichkeiten nicht den Geist hervorzurufen, sondern jene werden durch diesen ins Dasein gerufen und an die Spitze gebracht. Jedenfalls hätten wir wenigstens geordnete Zustände, und es müßte den Bedürfnissen der Zeit mehr Rechnung getragen werden. Die Freiheit, wie sie jetzt in unserm Synagogen- und Schulwesen herrscht, als ein Ideal für die freie Entwickelung aus religiösem Gebiete anzusehen, damit kann ich mich nicht einverstanden erklären; es sei,denn, man sehe auch die Zeit der Richter, wie sie im Buche der Richter geschildert ist, als ein Ideal für die Entwickelung der politischen Freiheit an. Wohl wollen wir uns vor jedem Gewissenszwang, vor jedem Einfluß aus das Privatleben verwahren; aber um die öffentlichen Religionsangelegenheiten zu organisiren, dazu bedarf es eines Oberhauptes; denn ohne Haupt ist keine organische Entwickelung-möglich. August. (Privatmitth.) Ein vormaliger Dichter, Herr Franz Dingelstedt, hat in; einer Novelle, die Brieftauben genannt, eine: naturhistorische Entdeckung über die Juden zu.Tage gefördert, : die es verdient, mit juwelenen Lettern, in eine goldene Tafel geschrieben zu cherdene Das unterscheidende Merkmal unserer Race^ dieses je ne sais quoi, das uns kenntlich macht, ist nicht die Habichtsnase, nicht das Säbelbein,, nicht das, dunkle Haar, nicht die hängende Lippe, nicht das zwinkernde Auge, nicht das nachhallende Sprachorgan, kurz nichts von Allem, womit Düsseldorfer Carricaturisten und Berliner Komiker die Judenmaske auszumalen pflegen. Was ists denn? /Wir sind, wie Herr Dingelstedt sagt, ausnahmslos kenntlich an den langen Fersen (Fersen mit F sagt er, denn mit denen mit V hat er bekanntlich nichts zu schaffen). Da steckt unser Charactep indelebilis! Und nun sage Einer, es gebe keinen Cüvier mehr! Findet man einmal ein zerfallenes Menschenskelett, so braucht man' es blos aufzustellen, um an der schweren Hacke, zu wissen, obs einem Israeliten gehört hat.. Schon der,Herr Zwillingsbruder Esau konnte davon ein Liedchen singen. ' Wie wohlthuend in dieser verschrumpfenden Zeit für uns Humanisten und wie besonders' Werth , von uns deutschen Juden registrirt zu werden, ist der neulich bekannt gewordene Brief Aleranders von Humboldt an den amerikanischen Präsidentschafts- Kandidaten Fremont, in welchem der große Geist, der den Kosmos in sich aufnimmt und spiegelhell zurückstrahlt, den geringen Beitrag - dem er zur humanen Lösung der Sclavenfrage liefern könnte, für wichtiger erklärt, als seine astronomischen und naturhistorischen Leistungen! Welch ein Contrast zwischen den Predigern der „Stoff-Kraft", bei denen das Stärkere das Schwächere zu verschlingen auch logisch, berechtigt ist, und deren rücksichtsloser Durst nach „Wahrheit" den Abkömmling eines schwarzen, thierischeren Protoplasten nie als gleichberechtigt mit uns Söhnen deS weißen Adams erkennen bann! ,; Localneuigkeiren sind von hier wenig zu melden. Die Freischule iss durch Anbau mm, zwei.Elaffen vergrößert, das neue Talmud -Tora- Schulhaus ist - im Bau und dev Synagogenbau wird noch in diesem Jahr, beginnen. Die Errichtung zwei neuer Bankgesellschaften unter Theilnahme jüdischer Direktoren Hat momentan eine Anzahl jüdischer Jobbers an unsere,