Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 20 (1856)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1856)
- Date
- 1856-08-25
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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476 fällige Intervention.von Gensd'armen oder Polizeimännern befreit.-werden*). — i - Mit dem Unterrichte steht es wo möglich noch schlimmer. Das Feld des Unterrichtswesens -;liegt brach, indem das Chederweftn'in seiner ^ganzen mittelalterlichen Häßlichkeit noch immer das Seepter führt. In den ungesundesten Winkeln eines engen Gäßchens, in dem sehr kleinen und einzigen Wohnzimmer des Melamed (Lehrers) sitzt enge zusammengedrängt, den Negersclaven in den untersten Räumen von Sclavenschiffen nicht unähnlich, ein Hause von Kindern im Alter von vier bis neun Jahren, und zwar vom frühesten Morgen bis in den spätesten Abend. Am Eingänge dieser Spelunke münden die Cloaken der benachbarten Häuschen in einen Haufen Kehricht; denn es scheint, daß die Kunst zu ekelig sei, um sich in diese entlegensten, und elendesten Theile, diese Parias der Judenstadt, hinein zu wagen; man hat es daher hier noch nicht bis zur Anlage von unterirdischen Canälen gebracht,, so daß es noch als ein glücklicher Zufall zu betrachten ist, daß. der kleine Fensterrahmen-nicht zum Oeffnen eingerichtet, und dadurch den mephitischen Dünsten der Weg.in das Zimmer blos durch die Thür, nicht aber auch durch's Fenster gestattet ist. — Dem Aeußern und Innern dieses Unte r-rich tslocales entspricht vollkommen die Unterrichtsweise. — Von Sonntag Morgens bis Freitag Mittags hört der Vorübergehende aus dem einäugigen Stübchen— *) Ein Freund erzählte, mir folgende drollige Anekdote.— „Ich verließ mein Hotel, um in die Stadt zu gehen. Da begegnete mir ein Betteljunge und verlangte Geld. Ich hatte keine Kupfermünze und gab ihm einen Zettel im Werthe von zehn Kreuzer Münze, er sollte ihn umwechseln und mir das.Uebrige zurückbringen. Es vergingen einige Minuten. Schon gab ich die Hoffnung auf, den Jungen mit dem Gelde wieder zu Gesicht zu bekommen> und-schickte mich an, meine Wanderung fortzusetzen. Da bemerkte ich eine Schaar Judenknaben aus einer engen Judengaffe heranrücken, an ihrer Spitze mein bekannter Wechsler. Er ging , gefolgt von dieser Schaar, auf mich los, nahm die Mütze in die Hand und haranguirte mich wie folgt: „Herr, ich habe das Zehnerl gewechselt, mir meinen Kreuzer genommen, und diesen meinen Kameraden, es sind gerade vierundzwanzig, die übrigen vierundzwanzig Kreuzer ehrlich vertheilt." Und hiermit zerstob der Haufe nach allen Richtungen. Ich blieb stehen, und wußte nicht, ob ich lachen oder mich ärgern sollte." — Diese Anekdote ist sehr charakteristisch. Man ersieht hieraus, wie zeitig sich Schlauheit und Unverschämtheit bei diesen Kindern entwickelte Corresp. - - gleichviel zu welcher Tageszeit — nichts Anderes als das monotone Schreien und Kreischen des Lehrers und Belsers (Unterlehrers), das in gleichem Tempo mit dem summenden Gesänge des zwanzig- bis dreißigstimmigen Chors abwechselt. — Hat nun das Böcherl (Jüngelchen) eine gewisse Anzahl von Jahren in dieser Lehranstalt zugebracht, stehen ihm zwei Wege offen. Entweder stellt ihm sein Vater ein Maturitätszeugniß aus, d. h. er erklärt, daß sein Jaakischl (Jakob) schon genug gelernt habe und schon reif sei für das Geschäft, oder der keewr magnificus, b. i. sein bisheriger Lehrer erklärt sich für unreif, ihn ferner zu unterricht ten und räth dem Vater, ihn einem Gemara-Melamed (Talmud-Lehrer) anzuvertrauen. — Fragt man nun: waS hat dieses Jaakischl eigentlich gelernt? so muß ich die Antwort schuldig bleiben; denn schreiben, lesen Und rechnen kann er nicht, Deutsch und Polnisch hat er nicht gelernt, und Hebräisch'versteht er nicht, in Chumesch mit Raschi aber — nur Geduld, lieber Leser! man lernt in Galizien Chumesch mit Raschi, ohne Hebräisch zu verstehen — hatte ich ihn für gar nicht sattelfest, denn ich habe es von meinem Gewährsmann schwarz auf weiß, daß der Melamed selber sammt seinem Belfer nicht viel davon verstehen. — So sieht das Unterrichtswesen in einem großen Theile Galiziens aus, wenn auch ehrenhafte Ausnahmen bestehen, denn Lemberg, Krakau, Tarnopol, Brody ü: A. haben geregelte Schulen.— Nun, blutet nicht jedem gefühlvollen Beobachter bei dieser Wahrnehmung das Herz? Drängt sich ihm nicht wie einst David die Frage an die Vorsehung auf: -iw? ftn räai Was haben diese unschuldigen Kinder denn gethan, daß sie in so verwahrlostem Zustande groß gezogen werden? ' Wohl haben schon hie und da Einzelne/ die außerhalb des magischen Kreises der sehr gefürchteten Rebbis leben und auch daö allgemeine Vorurtheil nicht mehr theilen, den Muth , ihre Kinder, um ste vor körperlicher und geistiger Verkrüppelung zu wahren, in die christlichen Schulen des Ortes zu schicken; aber sie haben auch dabei nichts gewonnen und sind, die CharybdiS meidend, in die Scylla gerathen. Die trivialen Lehrer der Trivialschulen und auch— mit wenigen Ausnahmen—der Stadt- und Kreishauptschulen*) behandeln in det Regel die jüdischen Schüler *) Mit Vergnügen bemerke ich hier ausdrücklich, daß