Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 20 (1856)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1856)
- Date
- 1856-08-18
- Page
- Seite 464 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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464 sobald Ihr es unternehmt, sie diese Schritte machen zu lassen, ohne dieselbe zuerst gehen gelehrt zu haben, so stürzt sie-um und begräbt Euch unter ihrem Fall. Hat sich dies nicht zu sehr bewahrheitet? Hattet Ihr nicht voraussehen können , was Ihr jetzo -einzugestehen nicht länger anstehet, daß die Masse der amerikanischen Judenheit für solche Schritte unreif ist? Was klagt Ihr nun, daß man Eure Platform mißverstanden, oder besser, Eure geheimen Absichten in derselben nicht entdeckt hat? Hätte, um nur ein Beispiel vorzuführen, dies amerikanische Volk die Unabhängigkeitserklärung je mit solcher Begeisterung ausgenommen und mit Gut und Blut vertheidigt, wenn es nicht zuvor für die in derselben ausgesprochenen erhabenen Ideen vorbereitet gewesen? O, Ihr habt bei Berufung der Conferenz vergessen , die große Lehrerin der Menschheit, die Geschichte, zu Rathe zu ziehen und daher Fiasco gemacht. Ich gestehe, manchmal kann ich es mir durchaus nicht begreiflich machen, wie vr. Lilienthal und seine Genossen je glauben konnten, mit der orthodoren Partei Friede schließen zu können, ohne sich bloßzustellen und ihre bisher bekannten Ansichten Lügen zu strafen. Dieses Räthfel ist nur so zu lösen, daß die Idee, Einheit in Israel zu schaffen, so in ihr Fleisch und Blut gedrungen, daß sie für alles Andere ihre Sinne verloren. Im vierten Sendschreiben kömmt Herr vr. Lilienthal auf die „Wiederherstellung der alten Synedrial- Autorität." Da muff er uns schon die bescheidene Frage erlauben: Wer ist der Wiederhersteller? Die Conserenz oder Synode, zusammengesetzt aus einem paar Dutzend amerikanischer Rabbinen mit Laiendelegaten der Gemeinden? — Wer wird diese Autorität anerkennen? Etwa ganz Israel? — Oder soll sich diese wiederhergestellte Synedrial-Autorität nur auf Amerika erstrecken? Aber wo bleibt dann die „Union in Israel"?? Wir erwarten die Antworten auf diese Fragen, da sie uns bis jetzt noch nicht gegeben worden sindwie ich oben in Bezug auf vr. Wise's Aufschlüsse, aus die vr. Lilienthal zur Aufklärung verweist, bemerkt habe. -r- Auch geräth Letzterer in diesem vierten Schreiben mit seinem College« in einen grellen Widerspruch. Während nämlich vr. Wise in Nr. 36. des „Jsraelite" behauptet, , „daß die Bibel keinen Unterschied mache zwischen religiösenmoralischen, bürgerlichen und politischen Gesetzen", belehrt uns vr. Lilienthal folgendermaßen: „Die Bibel theilt sich scharf ein in zwei Theile: in den der ewigen Wahrheit und den des wandelbaren Gesetzes. Während der erste, weil an und für sich wahr und keiner VeränduNg und Fortbildung fähig , zu allen und jeden Zeiten derselbe ist und bleiben muß, unterliegt der zweite den Einflüssen des Lebens und den Einwirkungen der Geschichte. Und wahrlich, beide haben ihre Herrschaft mehr als geltend gemacht; denn wie viele Theile der Bibel find nicht außer Kraft und Wirksamkeit getreten!" Hat Herr vr. Lilienthal über die Consequenzen dieser Worte nachgedacht? - Wir legen ihm die Bibel vor und ftagen: Mache die Ausscheidung; was ist Wahrheit, was ist Gesetz?' „Daß der Mensch ruhen muß, ist Wahrheit, die Feier des siebenten Tages zur Manifestirung dieser Wahrheit ist Gesetz"; so sagt die Berliner Reformgemeinde; nun, Herr vr. Lilienthal, wie konnten Sie dieselbe, da sie doch nur Ihre Theorie praktisch ausführte, „rationalistischdeistischer Ansichten" anklagen? — Das „Leben" im freien Amerika übt die mächtigsten „Einflüsse" auf eine Menge unserer Glaubensbrüder, besonders der auf einsamen Farmen und Plantagen wohnenden, aus; haben diese nicht das Recht, nach dem von Ihnen ausgesprochenen Grundsätze, die Speisegesetze der Bibel als für sich „außer Kraft und Wirksamkeit getreten" zu betrachten? — Und dann frage ich auch: Haben Sie dieselben Grundsätze auch auf der Conferenz gepredigt? Verzeihen Sie, wenn ich meine Zweifel über diesen Punkt ausspreche. Das Predigen solcher Grundsätze hätte sicherlich den furchtbarsten' Sturm aus Seiten der Orthodoren heraufbeschworen. — Oder werden seine neuen Bundesgenossen die hier ausgesprochenen Grundsätze unterschreiben? Laß sehen! Schon vor zehn Jahren ließ ihr beredter Wortführer folgende Worte drucken: „Im Punkte der Heiligkeit giebt es keinen Unterschied zwischen den Versen: Und die Söhne Dan, Chuschim (1 Mos. 46, 23.), und: Ich bin der Ewige, Dein Gott (2 Mos. 20, 2). Die ganze Bibel rührt von demselben unsterblichen, unfehlbaren Autor her; folglich muß Alles, was er zu unserem Unterrichte geschrieben, gleich heilig sein." Aber noch deutlicher sprach er sich in der Mai-Nummer des veeiüem auch über die ewige Unwandelbarkeit des „Gesetzes" aus, indem er erklärt, daß, da die Opfergesetze — und diese find es hier gewißlich vorzüglich^ worauf vr. Lilienthal anspielt,— von Gott ausgingen, dieselben die höchste Idee eines Gottesdienstes in sich schließen und nur „suspendirt" seien, weil uns die Elemente, Tempel u. s. w. zu deren Ausführung fehlen. Auch meint er, zweifelsohne auf Maimomdes' Moreh III, 32. anspielend, — daß die Ansicht, als seien die Opfergesetze nur aus einer weisen Nachgiebigkeit für lange Gewohnheit ent-