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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1856-08-18 · Heft 34 (18.8.1856) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
20 (1856)
Issue
Heft 34 (18.8.1856)
Date
1856-08-18
Page
Seite 465 (sequence 11)
Language
German
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465 sprungen, „mehr das Resultat spaßhaften HumoreS als nüchternen Ernstes seien." Und wo solche Ansichten sich gegenüber standen und noch stehen, will man von Annäberung und Union sprechen, selbst ohne sich zu compromiuiren und inconsequent zu werden?! Für das fünfte Sendschreiben sind wir Herrn Dr. Lilienthal zu besonderem Danke verpflichtet, da uns dasselbe einen.Blick hinter den Vorhang gewährt, und zwar einen liefern, als er es jetzt vielleicht gern sieht, da er uns, sicherlich unwillkürlich seinerseits, über die geheimen Absichten und Pläne seiner selbst und feiner Gesinnungsgenossen Aufschluß giebt. Ehe wir hierüber sprechen, müssen wir jedoch einen andern Punkt in diesem Sendschreiben besprechen. Mit einem gewissen Ausdrucke des Triumphes erzählt uns Herr Dr. Lilienthal, wie der vierte Platform- Artikel einstimmig per Acclamation angenommen „und besonders von der orthodoxen Seite kräftigst unterstützt wurde"; er unterläßt es aber, was man nur nachher durch mündliche Mittheilungen erfuhr, uns mitzuth eilen, daß gerade dieser Artikel eine kleine Scene zwischen ihm und Herrn Dr. M,erzbacher hervorgerufen und Letzteren veranlaßt, vor dem Schluffe der Versammlung aus «derselben zu scheiden. Nun, was ist da an der Acclamation der Orthodoxen zu verwundern? Vergab sie sich etwas zu Gunsten ihrer Reformgenoffen durch ihre „besondere Unterstützung"? Stand sie dabei nicht auf consequenttalmudischem Boden? Sind die Sätze arroV» yp'n '72 und rtt'N «ni2d72-l «2^ nicht talmudische Aussprüche? In der That! der vierte Artikel: „Vorschriften und Anordnungen, die dem/Landesgesetze zuwiderlaufen, haben keine gesetzliche Kraft", war, geringe gesagt, äußerst überflüssig. Ich möchte die Religionsbehörde sehen, die es wagen würde, dem Staatsgesetze zuwiderlaufende Anordnungen zu erlassen! Auch kann dieser überflüssige Satz die im Talmud enthaltenen engherzigen Moralsätze, so gering auch ihre Anzahl ist und so sehr sie auch mit der Zeit ihrer Abfassung zu entschuldigen find, nicht ausmerzen, noch die in Folge des Vorschlages und der Annahme des zweiten Artikels gegen die bisher als Reformers gegoltenen Männer erwachsene Anklage der Inkonsequenz widerlegen oder entkräften. — Doch wenden wir uns zum wichtigsten Punkte. Herr Dr. Lilienthal legt zu seinen und seiner Genossen Gunsten einen besonder» Nachdruck auf die Thatsache, daß man von den „nachtalmudischen, rabbinischen Autoritäten" gänzlich Umgang nahm. Ich sollte denken, daß er und seine Reformgenossen sich dadurch erst recht eine Blöße gegeben und den obersten Grundsatz ihrer bisherigen Bestrebungen auf die unüberlegteste Weise geopfert haben. Denn wenngleich der nachtalmudische Rabbinismus reactionairer Natur ist,; so ist doch gerade seine; Existenz ein neuer Beweis von der nimmer geruht habenden Fortentwickelung des Judenthums, und ist es meines Erachtens gerade diese Idee der stetigen Fortentwickelung, auf der die neue Reform als Fortsetzung einzig und allein basirt werden kann. Diese Phase der Fortentwickelung des Judenthums zu negiren, ist weiter nichts, als einen mächtigen Ring aus der großen Kette unserer Religionsgeschichte herauszureißen, wofür wir den Herren durchaus nicht zum Danke verpflichtet sind.; Daß die Orthodoxen diese Negirung hingehen.ließen, zeugt von Neuem von ihrer pfiffigen Scharffinnigkeit; denn gerade diese Negirung von Seiten der Reformers war eine stillschweigende Anerkennung des Talmudabschluffes. Waren die Ersteren nicht sogleich klug genug, — was Herr Dr. Lilienthal in aller Unschuld uns erzählt — „ihre Bedenken über den Ausdruck traditionell zu Protokoll zu geben", um dadurch demselben den Begriff der Göttlichkeit zu wahren und sich nichts zu vergeben? Warum haben die Herren Reformer auf der Conferenz nicht dasselbe gethan, und ihrerseits den Begriff der „Geschichtlichkeit" für denselben Ausdruck gewahrt? Auch hat die Orthodoxie nicht erst bis auf eine zweite Conferenz oder die beabsichtigte Synode gewartet, um ihre Bedenken geltend zu machen, ihre wahre Ansichten über den zweiten Artikel kund zu geben und * sich so für alle Zukunft den Rücken zu decken. Sie that es, wie ich in Nk 8. der A. Z. d. I. mitgetheilt, schon in dem ersten Berichte des Oeeiclevt, im November 1855; sie that es seitdem oftmals noch kräftiger, am unverhohlensten aber in der Mai-Nummer dieser Zeitschrift, wo Herr Leeser folgendermaßen spricht: „Man hat mich getadelt, als ob' ich mich durch die Auslassung des Wortes „göttlich^ vor „traditionell" hätte düpiren lassen. Meiner Meinung nach war eine Täuschung nicht möglich; und wenn die Herren, welche die Original-Resolution verfaßten und mein Amendement annahmen, glauben, sie hätten bei der ' jetzigen Lesung statt dieser: „der Talmud enthält die göttliche Tradition u. s. w." etwas gewonnen, so sind sie getäuscht, nicht i ch. Denn was ist, im Namen des' gesunden ' Menschenverstandes! Tradition anders bei uns, als die angenommene, von Moses bis auf unsere Tage überlieferte Art und Weise, die geschriebenen Vorschriften deS Gesetzes zu erklären und zu üben? Die Worte der Mischnah sind: '21 nwn. Wenn daher in einer

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