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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1856-06-23 · Heft 26 (23.6.1856) · p. Seite 349

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
20 (1856)
Issue
Heft 26 (23.6.1856)
Date
1856-06-23
Page
Seite 349 (sequence 5)
Language
German
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349 rakter dieser Homiletik ist eine gewisse gemüthvolle Nüchternheit, die mehr erbauen als belehren will, durch einfache Mittel zu wirken sucht, von der Pflicht der Auslegung meistens Umgang nimmt und die Bibel für den Midrasch einzusetzen beabsichtigt. Wenn wir als Träger dieser Richtung Männer wie Di*. Leopold Stein und Dr. Frankfurter anführen, so thun wir es, ohne einen Tadel aussprechen zu wollen und gerade in der Absicht, die würdigsten Beispiele zu .Vertretern einer Richtung zu machen, der die Berechtigung immerhin nicht abzusprechen ist. Fehlt nun gar der letzte Rest von Pietät für Israels große Sendung und Bestimmung, jener Pietät, die sich nimmer anempfinden läßt, wenn sie nicht von innen kommt; oder tritt dazu die Tendenz eines neuen, nur noch deistischen Judenthums , so sehen wir diese Richtung in das Wesenlose und Schattenhafte verschwimmen; und selbst ein talentvoller Redner, wie Holdheim, kann diesem. Verfalle nicht Vorbeugen. , An diese Seite der Kanzelberedsamkeit streift nahe genug eine andere. Die Schule jener Prediger, die aus den Schätzen einer reichen Literatur und eines großen Kunstlebens ihre Reden mit reichen Erinnerungen schmücken. Im Ganzen läßt sich gegen diese Bestrebungen nichts einwenden; ja, es scheint selbst gerechtfertigt, dem lebenden Geschlechts eine Anweisung an seine classischen Heiligthümer mitzugeben, nachdem seine besten Söhne in deren Dienste gereift sind. Nur darf dieser Schmuck eben nicht mehr als Einkleidung sein; wird er zur Wesenheit, so sehen wir an die Stelle des Gemüthvollen, des Erregenden und Ergreifenden jenen kalten Esprit treten, der stets glänzt und nie wärmt, der nur flimmert, anstatt zu leuchten und Strahlen zu werfen. Es giebt in Deutschland zwei jüdische Prediger, die jene classicirende Manier mit allen ihren Vorzügen und Fehlern vertreten. Es find: vr. Geiger in Breslau und vr. Aub in Mainz, Beide bekann ass treffliche Redner. Dürfte ich ihre Bedeutung mit einem etwas fern liegenden Beispiele begründen, so würde ich sie in eine Zeit und auf einen Boden versetzen, welche der Blüthe der Redekunst ganz besonders günstig waren, etwa nach Griechenland. Und da würde ich denn zu dem Ergebniß gelangen, daß Beide in einer Periode, da die. Beredsamkeit aus dem öffentlichen Leben und dem Forum in die Schulen sich geflüchtet, allerdings als treffliche Redner noch hätten gelten dürfen, nicht neben Demosthenes, wohl aber neben Jsokrates und Lysias. Hier liegt die Erinnerung an einen Mann nahe, der einst zu. den guten Rednern gezählt wardweil sein Rederuhm unter denselben Auspicien gegründet.ward. Es ist vr. Löwi in Fürth, vielleicht. das. verlockendste Beispiel von jener mit classischen Blumen geschmückten Predigerschule, weil nicht leicht einer seiner Mitstrebenden mit so bestechlichen äußeren Mitteln auftrat, Mittel, die ihn aber doch nicht vor dem Schicksale retten konnten, sich bereits überlebt zu haben. Während jene Redner sich zum Universellen und Kosmopolitischen hinneigten, sehen wir zwei Männer um einen verfehlten Versuch in entgegengesetzter Richtung sich bemühen. Hirsch Fasse!.und . Salomon Pleßner, Beide gestützt auf ihre tief eingehende Kenntniß der Midraschim und auf einen nicht gewöhnlichen Scharfsinn, der Letztere ausgezeichnet durch die schöne Innigkeit und Wärme seiner Darstellung wie durch die Lebendigkeit seiner Anschauungsweise, unternehmen es, die alte Magidim-Weise zu erneuen und sie mit dem Genius einer modernen Sprache zu vermählen. So vergeblich auch das Streben ist,, den im Bewußtsein der Zeit nicht mehr wurzelnden Drusch zu erneuen, so haben jene Männer doch eine ganze Reihe von Nachahmern, besonders unter den jüngern Rabbinen Ungarns, gefunden. Und von hier bietet sich wie von selbst der Uebergang dar zu jener Bahn, auf welcher allein, wie mich dünkt, die Predigt dem Ziele der Vollkommenheit nachzustreben vermag; und auf welcher die hervorragendsten der jetzt lebenden deutschen Prediger mit rühmlichem Vorgänge den Weg gezeigt haben. Diese Richtung der Kanzelreden verschmäht den Midrasch nicht, ja sie betrachtet ihn als das. eigentümliche national-religiöse und daher unerläßliche Element; aber sie begnügt sich nicht, ihn hie und da als Blume einzuweben oder in allzugroßer Fülle einfach wiederzugeben; sie verarbeitet ihn, entwickelt daraus neue Begriffe-, und Anschauungen und bringt ihn in schöne, sinnige Harmonie mit dem rhetorischen Ganzen. Vor Allem aber ist es ein ächt jüdischer Geist, der in den Reden dieser Schule weht, eine innige, reine Pietät, die von den Spielen und Geistesblitzen der Sveculation zu großen, lebendigen Anschauungen und zu concretem Leben zurückgekehrt ist. In diesem Sinne verehren wir die Leistungen von Männern, die unter sich sehr verschieden sein mögen an Tendenzen und Anlagen, die aber hierin auf eine seltene Weise sich vereinigen. Ich darf nur die Namen Sachs, Mannheimer, Philippson, Jellinek, Hirsch aussprechen, um auf Verständniß zählen.zu dürfen. Die charakteristischen Unterschiede zwischen diesen. Männern herzustellen, wäre ein

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