Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 20 (1856)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1856)
- Date
- 1856-06-23
- Page
- Seite 348 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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348 kenntniß der Persönlichkeiten und der Sachlage als nach bloßen Zeugnissen erfolgt wäre, wodurch die Erwählung den Anschein einer gewissen Zufälligkeit gewann und etwas von dem blinden Walten des Looses annahm. Die Discretion verbietet uns, die Namen von Man- . nern auszusprechen, die sich unter den Bewerbern befanden und denen die Auszeichnung einer Probepredigt nicht vergönnt ward. Das aber dürfen wir sagen, daß darunter Männer waren, die durch den- Glanz der Wissenschaft, durch edle Pietät für den Glauben, durch segensreiches Wirken für Tempel und Schule, durch die schönsten Tugenden ausgezeichnet, eine solche. Einladung wohl verdient hätten. Einen grellen Mißton in den Verlauf dieser Reden brachte vor Allem auch das Ereigniß, daß Herr Di*. Adolf Jellinek in Leipzig, durch den Ruf seiner Forschungen und seiner Beredsamkeit bei weitem der glänzendste Name unter den etwa dreißig Bewerbern, nachdem bereits die Einladung zur Probepredigt an ihn ergangen war, seine Betheiligung an derselben versagte und sich weigerte, seine Erwählung von einer solchen Probe abhängig zu machen. Im Ganzen scheinen die Wähler von der Ansicht ausgegangen zu sein, daß es eine Menge vortrefflicher Prediger unter der israelitischen Jugend Deutschlands gebe, und daß der glänzende Name der Metropole hinreichen würde, sie zur Bewerbung zu veranlassen. Ein kurzer Blick auf die Geschichte der jüdischen Kanzelberedsamkeit würde hingereicht haben, diese sanguinische Hoffnung zu zerstreuen. Wir erzeigen diesem Theil der Redekunst alle mögliche Rücksicht, wenn-wir ihr eine Geschichte zuschreiben; denn in der That ist sie noch zu jung, um eine haben zu können. Allerdings haben die begabteren spanischen Rabbinen in den Synagogen zu Holland, ihrer Zeit voran eilend, schon im 17. Jahrhundert vielfältige Versuche gemacht, einen Religionsvortrag in der Landessprache zu gründen. Wir haben noch Sammlungen von Menasse ben Israel, Mortara u. A.. in der Zunge Calderon's und Cervantes' geschrieben; und diese an und für sich trefflichen Arbeiten bewirken selbst, daß auch der durch Ueberlieferung und langjährige Gewohnheit geheiligte Vortrag in hebräischer Sprache eine edlere Gestalt annehmen mußte und gezwungen ward, in einer verständlicheren und. ansprechenderen Form zü erscheinen. Doch blieb es noch für lange Zeit beim bloßen Versuche; der eigentliche Vortrag blieb nach wie vor der durch nationale Entwickelung festgesetzte Drusch, und der Magid blieb der eigentliche Redner. Zu ernsthaften Bestrebungen im deutschen Vortrage, die sich über das Treibhausleben erhoben, kam es erst im Anfänge unseres Jahrhunderts. Es erging aber der jüdischen Homiletik, wie einer jeden jungen werdenden Kunst: auf ihrem Wege, die rechte Bahn zu finden, hatte sie so viele Irrwege und falsche Richtungen zu vermeiden und so oft gegen einen schlechten Zeitgeschmack anzukämpfen, daß ihre beste Kraft sich in Versuchen und Experimenten erschöpfte, und von einer Blüthe noch wenig die Rede sein kann. Eigenthümlich ist es, daß derjenige Mann, der nahezu als der Schöpfer der jüdischen Homiletik in Deutschland gilt, Dr. Salomon in Hamburg, die damals neue Bahn gleich so fertig, selbstbewußt und in sich vollendet betrat, daß man dem Veteranen noch jetzt in der Mitte so vieler Jünger und Nacheiferer willig den Preis zugesteht, und -über der Gediegenheit des Inhalts selbst eine mangelhafte Technik, wie beispielsweise das mühsame Ablesen vom Blatte, gern vergißt. Dies war wenigstens der Eindruck, den Salomon's Gastpredigt vor einigen Jahren hier hervorbrachte; und das fast einmüthige Zusammentreffen so vieler lobenden Urtheile, von den verschiedenartigsten Beurtheilern ausgehend, kann beinahe als ein endgültiger Beweis betrachtet werden. Ein Eindruck, der sich auf Jahre hinaus so lebendig erweist, ein Erfolg, der seine Strahlen so weit in die Ferne sendet, ist in der Geschichte gesprochener Worte ein zu seltenes Vorkommniß, als daß es nicht verehrt werden sollte. Auch hat dieser verdienstvolle Redner in seinen neulich erschienenen Festreden eine Jugendlichkeit und Frische offenbart, die den ächten Revner, geboren und berufen zur Kanzel bekunden, den Mann, dessen schönes und einheitliches Wirken nicht durch vielfache anderweitige Thätigkeit zersplittert wird. Doch ist Salomon nicht von dem Vorwurfe freizusprechen, daß er das nationale Element in seinen Vorträgen einigermaßen verwischt hat, wodurch dieselben einen modernen Hauch erhalten haben, der um so verletzender wirkt, als er sich zu offenbar als forcirt und der protestantischen Schule entlehnt zeigt. Wir sehen nun auf seinen Spuren eine ganze Reihe von zum Theil bedeutenden Rednern aüftreten, bei denen diese Richtung meist noch einseitiger hervortritt. Norddeutschland eignete sich vor Allem dazu, solche Redner hervorzubringen, weil die protestantische Schule dort ihre ganze bestechende Macht und ihren Einfluß entfalten konnte, während der Einstüß der katholischen Beredsamkeit im Süden minder verlockend und daher auch minder mächtig war. Der .Cha-