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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1856-06-23 · Heft 26 (23.6.1856) · p. Seite 347

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
20 (1856)
Issue
Heft 26 (23.6.1856)
Date
1856-06-23
Page
Seite 347 (sequence 3)
Language
German
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* - Wien er A rr rfe. Von H. Zirndorf. II.*) Die Fortsetzung meiner so lange unterbrochenen Berichte über das religiöse und geistige Leben unserer Brüder in der großen Donaustadt, führt mich gleich in medias res hinein. Die Probepredigten sind seit langer Zeit das wichtigste Ereigniß, das hier die Gemüther beschäftigt hat; und wenn der Ausgang derselben den Erwartungen auch nicht völlig, entsprochen hat, so ist das Auftreten so mannigfacher Kräfte, die kurz auf einander folgende Erscheinung so mancher mehr oder minder glänzenden Befähigung eine so anziehende und durch die fich darbietende Vergleichung eine so wichtige Angelegenheit, daß das beharrliche Schweigen der Berichterstatter wenig gerechtfertigt erscheint. Dieses Schweigen giebt mir gleichsam ein Recht, die Leistungen jener Bewerber ausführlicher zu besprechen, nachdem ich vergeblich abgewartet, ob eine bessere Feder dies versuchen würde. Es ist nicht wohlgethan, wenn man ein Unternehmen, das nicht so ganz zur Höhe der Vortrefflichkeit sich erhoben, deshalb mit unziemlicher Vergessenheit bedeckt, anstatt nachzuweisen, an welchen Mängeln der Ausgang gescheitert ist, und in welchen Beziehungen das Werk unangreifbar dasteht und Lob und Anerkennung erwarten darf. Das Gefühl von der Wichtigkeit der Sache erfordert das Eine, der höhere Sinn für Gerechtigkeit das Andere. ' Mich dünkt, die Probepredigten hätten zu einem besseren Erfolge führen können, würde die Commission bei der Anordnung und Auswahl derselben gewisse Jrrthümer vermieden haben, die in der mangelhaften Kenntniß der Sachlage ihre Erklärung finden. Wenn diese Commisstön die Bewerbung von einer jugendlich strebenden Kraft, abhängig machte, die es dem Erwählten möglich mache, länge und ungestört in feiner Wirksamkeit zu verbleiben^ so ließ fich dagegen im Ganzen nichts Erhebliches einwenden. Nur war zu erwarten, daß es der Jugend und dem erst aufblühenden Geschlechts nicht immer so leicht gelingen konnte, fich den bewährteren Ruf zu erwerben, der dem langjährigen Redner, dem geübten Verkünder des Gotteswortes zu Theil wird; daß auch hier wie überall das wahre Verdienst und die entschiedene *) Wir gebön diesen Brief, ohne für die d a r i n - a ü 's g 'i s p r o ch e n e n Ansichten -' dis' SB etältiN ‘ wortlichkkit zu-'üb ernehm-en. Re d a c t. Vortrefflichkeit sich eher in Dunkel hüllt und es verschmäht, > fich durch Zeugnisse und die Anerkennung der Camaraderie Bahn zu brechen, wie das die breite Mittelmäßigkeit so vortrefflich versteht; abgesehen davon, daß die Kanzelberedsämkeit bei aller nothwendigen Voraussetzung der Naturanlage und der Vorbildung doch immer eine solche Kunst bleibt, welche' die Erfahrung und die langjährige Anwendung erst zu einer gewissen Höhe zu potenziren vermag. Ein anderer Rechnungsfehler lag in der Vorbedingung, daß der Candidat bereits in einer Gemeinde functionirt habe. Allerdings bietet die praktische Thätigkeit eine gewisse Garantie für die Fähigkeit eines geistlichen Beamten; und dann gedachte die Commission mit dieser Maßregel das Skrutinium in ein engeres Bett zu leiten und sich die Uebersicht zu erleichtern, da sonst der Zudrang bis ins Maßlose sich versteigen konnte. Dennoch bleibt es, gelind gesagt, eine Ungerechtigkeit, wenn durch diese Bedingung eine zahlreiche strebende Jugend, die an. Deutschlands Hochschulen durch den edelsten Eifer sich für den künftigen Beruf heranzubilden sucht, und darunter ohne Zweifel höchst vortreffliche und begabte junge Männer mit Einem Federzuge von der Bewerbung ausgeschlossen wurden. Andererseits ward ein höchst wichtiges Moment übersehen, daß nämlich''Diejenigen, die mit wahrer Begabung und mit aufrichtigem Rufe bereits einen Rabbinats- oder Predigerfitz inne haben, nicht leicht Veranlassung finden, ihre Stellung zu verändern. Denn entweder haben sie schon eine ihren Kräften angemessene Stellung gefunden und haben keine Ursache, ihren Blick auf einen höheren Wirkungskreis zu richten; oder sie scheuen das Risiko einer Probepredigt, wodurch das Verhältniß zu ihrer Gemeinde immerhin ge- ' lockert werden muß. Auch würde ihre Gemeinde in solchem Falle keine Opfer scheuen, den Seelsorger sich entzer zu verbinden. Dagegen stand zu erwarten, daß viele Derjenigen, die von einer Veränderung'zugleich eine Verbesserung ihrer Lage erwarten dursten, diese Gelegenheit nicht verschmähen würden und den Versuch wagten, die vielgepriesene Würde zu erlangen: So geschah es denn', daß unter vielen vortrefflichen und wütdigen Namen der Bewerber sich' auch manche ziemlich dunkle und unbekannte drängten, die wir hier fast zum ersten Male hörten. Immerhin' muß es als ein glücklicher Wurf betrachtet werden; daß die fünf Männer, die wir auf der Wiener Kanzel-jüngst vernahmen, eine Reihe höchst schätzenswerkher Geisteskräfte'bildeten. Dagegen wäre es'doch besser gewesen,' wenn diese Auswahl mehr nach einer tiefereü Er- 26*

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