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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-12-25 · Heft 52 (25.12.1854) · p. Seite 657

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 52 (25.12.1854)
Date
1854-12-25
Page
Seite 657 (sequence 7)
Language
German
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657 sein. Wahrscheinlich ging er nach Amsterdam, und Nie» mand weiß, wo er gestorben ist und wo er begraben liegt, wie man auch das Grab des Propheten Moses, dessen Namen er führte, nicht weiß. Der türkischen Gemeinde in Wien hinterließ er zwei silberne Ez chajim, d. i. Lebeflsbäume. ES sind dieS silberne Aufsätze, mst denen die pergamentenen Thorarollen festlich in Synagogen geschmückt werdendste stellen, wie die, von denen wir eben sprechen, einen mit Blumen geschmückten, emporstrebenden Stamm dar; darum upd weil sie das Buch des Lebens schmücken, ihr Name: Lebensbäume. Silberne Glöckchen, vielleicht an die des Hohenpriesterkleides erinnernd, pflegen die Ez chajim zu schmücken, um mit ihrem Schalle die Gemeinde zu mahnen^ daß das Heiligste auö der Bundeslade genommen und zu frommer Lesung aufgerollt ist. In die Ez chajim der sephardischen Synagoge in Wien ist mit schon halb vergriffenen Buchstaben aber noch deutlich in hebräischer Quadratschrift gravirt zu lesen: „Mosche Lopez Parera, Diego Baron de Aguilar." Ein gleiches Paar mit derselben Inschrift nebst einer silbernen Krone spendete er der Synagoge in Temesvar und bestimmte, daß dieser die der sephardischen Gemeinde in Wien gewidmeten heiligen Geräthe zufallen sollen, wenn die Tochtergemeinde in Wien sich auflösen sollte. Am Versöhnungstage wird sein Name in den beiden österreichisch-sephardischen Synagogen bei dem Todten-Gedächtniß-Amte feierlich genannt. So weit die mündliche Mittheilung des ehrwürdigen Chacham; ich habe in schuldiger Pietät vor einem Ueberlieferten nichts hinzugethan und nichts hinweggenommen. Offenbar ist es, daß die Erzählung schon einem flüchtigen Blicke manches Unwahrscheinliche, ja selbst manches völlig Unrichtige zeigt. Es ist offenbar, daß uns hier Dichtung und Wahrheit innig ineinanderverschlungen entgegentreten, daß aber selbst der Dichtung wirkliche Thatsachen, nur poetisch qusgeschmückt, zu Grunde liegen mögen. Wir sehen hier wieder, von dem ich auf dem ersten dieser Blätter sprach, den phantastischen Poeten, der unbewußt im Volke lebt, schaffen. Gewiß, ist es, dqß die abenteuerlich edle Gestalt Diego de Aguilar's des Inquisitors und Juden, sein mit der Schwester tragisches Geschick, seine Flucht, sein Auftreten in Wien und am kaiserlichen Hofe, sein spurloses Verschwinden wieder von da, der fertige und dankbare Stoff eines Romans wäre, der in Spanien begonnen in phantastische Ferne nach dem Oriente und wieder zurück führt. Der Sultan Selim und Coronet, Carl VI., Maria Theresia, Eugen von Savoyen, welche plastische, episodisch interessante Gestalten! umgeben von der poetischen Atmosphäre einer zu künstlerischen Zwecken noch nicht benutzten Sitten- und cultur-historischen Zeit Oesterreichs. Und alle die Figuren und Begebenheiten durch drei verschiedene großartige religiöse Weltanschauungen in Gruppen geschieden und nur zu sittlichem Kampfe vereinigt! Ein so interessanter, in poetische Beleuchtung gestellter Charakter, wie der Diego de Aguilar's, mußte anreizen, um ihm wo möglich näher zu kommen und in historisch scharfen Umrissen zu sehen. Ich will hier gedrängt zusammenstellen, was sich meiner Forschung ergab; mag daS trotz angewendeten Fleißes spärliche Material glücklichere Finder anregen, um die vielen Lücken auszufüllen und einen Mann biographisch festzustellen, der an dem Orte und dem Lande feiner vielleicht größten Thätigkeit in — Oesterreich kaum mehr dem Namen nach bekannt ist und eine der eigenthümlichsten und einflußreichsten Persönlichkeiten unter seinen Zeitgenossen darstellt. Der Umstand, daß Diego de Aguilar Pächter des Tabakmonopols in Oesterreich war, diente als Anhaltspunkt meiner Forschung. Ein Artikel in der österreichischen Nationalencyclopädie meines verstorbenen Freundes Franz Gräffer leitete meine ersten Schritte. Ich wendete mich darauf an die liebenswürdige Bereitwilligkeit des Vicepräfidenten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, an Herrn Theodor von Karajan, der mich auf eine verschollene Broschüre von Josef von Retzer: „Tabakpachtung in den österreichischen Ländern von 1670 bis 1783" aufmerksam machte. Ich erhielt sie aus der Bibliothek des k. k. Hofsecretairs, des gelehrten Herrn Josef Feil. Wiederholtes Gespräch mit dem k. k. Direktor des ehemaligen Hof- und Kammerarchivs, Herrn Franz Grillparzer, und Nachfrage im k. k. Ministerium des Innern ergaben folgendes Resultat: Im Jahre 1725 wurde die Leitung des TabakgeschäfteS in Oesterreich auf kaiserlichen Befehl Diego de Aguilar, dessen Vater nebst ihm das Tabakwefen schon ehehin in Portugal eingerichtet und nach Wien berufen wurde, übergeben. Er bot sich an, einen Contract auf acht Jahre einzugehen, und jährlich um 50,000 Fl. C- M. mehr abzuführen, als dies Gefäll bisher abgeworfen hat und über den Pachtschilling noch die Hälfte des Gewinns mit dem Aerar zu theilen. Cr bedingte sich, daß

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