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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-12-11 · Heft 50 (11.12.1854) · p. Seite 633

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 50 (11.12.1854)
Date
1854-12-11
Page
Seite 633 (sequence 9)
Language
German
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In Wien wurden durch Verwendung Diego de Aguilar's die türkischen Juden Abraham Camondo aus Constantinopel, Aron Nisim, Naphtali Aschkenasi seßhaft; er versammelte sie mit ihrer Dienerschaft in seinem Hause in der Stadt in einer eigens dazu bestimmten Stube zum Minjan, d. i. zum Gottesdienste jeden Morgen und jeden Abend, und legte so den Grund zur türkisch-jüdischen, oder sephärdischen Gemeinde in Wien. Als eines Tages der Baron de Aguilar in seinem Gemache auf feinem Divan saß, öffnete sich die Thüre und es trat einer seiner mächtigen Freunde, ein Mann, der das höchste Vertrauen seiner Monarchin besaß, ein; er beachtete den ihm gegenüber Sitzenden nicht; er grüßte schwanden und die alten Werke an seinen Flanken abgetragen wurden, blieb nur zur Erinnerung an den heldettmüthigett Feldherrn das Eugenthor stehen. So ragte das Thor mit der Synagoge mitten in der Stadt, ihm baute sich später ein jüdisches Spital und mehrere andere Häuser an, welche das Judencarre genannt wurde. Am hundertsten Jahrestage, im Jahre 1817 wurde in Temesvar zur Erinnerung an die Befreiung vom Türkenjoche ein Te veum gefeiert, das Militair rückte mit klingendem Spiele aus, alle Bewohner der Stadt begingen den Tag mit frohen Festmahlen und beleuchteten Abends ihre Stadt. Am folgenden Tage begann man das Thor abzutragen und das Haus, das an der Stelle desselben nachher erbaut wurde, führt noch heute zu Tage den Titel: „Zum Eugenthore." Die Juden erhielten vom k. k. Aerare ein in dreißig Jahren zurückzuerstattendes Materiale zum Baue zweier Synagogen, deren eine für die sephärdischen, die andere für die deutschen Juden bestimmt wurde. Die sephardischen und die deutschen Juden bilden aber nur eine Gemeinde, der 12 Männer vorstehen, und wenn auch die Zahl der Sephardim die der Deutschen überwiegt, so werden doch gleichberechtigt je 6 gewählt, denen wieder ein alle 3 Jahre neu zu wählendes Gemeindeoberhaupt vorsitzt, welches abwechselnd ein Sepharde und ein Deutscher sein muß. Nach Johann N. Prehers „Monographie der k. Freistadt Temesvar" (Temesvar 1853) ist die Zahl der Juden daselbst 1551. Im Verwaltungsjahre 1852, d. t. vom 1. November 1851 bis 31. Oktober 1853, wurden 27 Paare getraut, 90 Binder geboren und sind 45 — darunter 25 männliche, 20 weibliche Individuen — gestorben. Leider enthält die citirte Schrift wenig über die Verhältnisse der Juden, was um so auffallender, da der Verfasser Bürgermeister der Stadt ist und ihm alle Archive gewiß offen gestanden. Oder gingen Acten verloren, wie die der Juden in Temesvar, die sie in einem Koffer in ihrer Synagoge aufbewahrten. Bei der letzten, siebenten Belagerung, welche' die Stadt zu überstehen hatte, im Jahre 1849, fiel eine Bombe in das Gebäude, der Koffer wurde zerstört. ihn nicht und ging schweigend zu einem zur Seite stehenden großen Wandspiegel, in welchem er den Sitzenden sehen konnte, und sprach zum Spiegelbilde: „Armer Aguilar! Wie beklage ich Dich. Du und Deine Gläubensbrüder werden wieder wandern müssen!" Ohne den Freund zu beachten, verließ er stumm Und ohne Gruß, wie er gekommen war, das Gemach. Diego de Aguilar, bis in die tiefste Seele erschrocken, hatte die Warnung vernommen, den Wink verstanden. Er schrieb einen Brief an Amigo, in welchem er ihn zu einer ungesäumten Reise nach Constantinopel aufforderte, damit er daselbst persönlich seinen Einfluß für einen Plan, den er ihm in dem Briefe mittheilte, geltend mache und der allein alle Glaubensgenossen der österreichischen Monarchie retten könne. Ein treuer Diener verließ an demselben Tage zu Pferde Wien und eilte nach Temesvar. In den Straßen Wiens lief einige Wochen nach dieser Begebenheit eine bunte Menge, Kinder und Erwachsene, einem seltsamen, fremd gekleideten Reiter nach. Auf einem kleinen, schwarzen Pferdchen ritt ein langer, hagerer Mann, so lang, daß die Füße den Boden streiften. Sein Antlitz war braun und orientalischen Schnittes, ein langer, schwarzer Bart reichte fast bis an den Gürtel, das dunkle Haupt war von einem Turban bedeckt. lieber sein scharlachrothes Kleid Hütte der Reiter einen Zobelpelz angethan. Aus dem Brustlätze stand ein großer, weißer Brief mit gewaltigem rothen Siegel vor, wahrscheinlich um sich als Gesandten oder Boten anzukündigen. Er fragte sich mehr mit Zeichen und Geberden, denn er war der deutschen Sprache nicht kundig, zur Burg durch daS ihn immer mehr umwogende Gedränge der neugierigen Wiener. So gelangte er endlich in den Hofraum der Burg, wo die Wache auf die schreiende, anörangende Volksmüsse aufmerksam ins Gewehr tritt. Die Kaiserin, die den seltsamen Reiter, die drängenden Menschen vom Fenster herab sah, schickte einen Kammerherrn in den Hofraum, um zu fragen, waS es sei? Dieser kehrte zurück mit der Antwort: der fremde Reiter sage auS, er habe einen Brief vom Großherrn, dem großmächtigften Sultan an Ihre Majestät, die Kaiserin, den er persönlich zu überreichen den Auftrag habe. Die Kaiserin befahl, der Fremde möge heraufkommen. Der war aber von seinem Pferdchen nicht zu trennen und ritt die Treppe empor. Das Pferdchen kletterte rasch und schlank wie eine Katze hinauf. Mit Mühe brachte man dem Reiter bei, daß er wenigstens jetzt vom Pferde steigen müsse, denn er ist gewillt, zu Pferde vor der Kaiserin zu erscheinen. 50

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