Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-12-11 · Heft 50 (11.12.1854) · p. Seite 632

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 50 (11.12.1854)
Date
1854-12-11
Page
Seite 632 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225877-3225928--14276-3243773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

' Diego: he Aguilar floh mit seiner Mutter, um sich und sie zu-rettey, da er das Leben der Schwester nicht retten: konnte, und beschloß, nachdem er nun wußte, daß er von.jüdischen Eltern als Jude geboren worden, auch als solcher zu leben und zu - sterben. Sie schifften sich ein, kamen, nach.-England, um von da Weiler reisend in —- Oesterreich, und zwar in Wien, wo die fromme Kaiserin Maria Theresia auf dem Throne ihrer Väter saß. Das hatte aber einen eigentümlichen Grund. . Hls . Kaiser. Karl VI... mit der damals sehr jungen Maria 'Theresia, Madrid besuchte, speiste er bei dem Inquisitor; in so großem Ansehen stand dieser: in der spanischer Hauptstadt.. Nach der Tafeldir den Kaiser wegen! der kostbaren Bewirthung heiter gestimmt hatte, fragte .er-die kleine Prinzessin, alss sie Abschied nahm: „Was läffest Du^ unserem edlen Wtrthe für ein Andenken für unsere Bewirthung .zurück?" Die Prinzessin erröthete und wurde zur Freude der Herren anmuthig verlegen. Da: sie -einfach gekleidet, ohne Schmuck erschienen war, zog. das.geistreiche Kind, sich rasch fassend, den Handschuh ab und überreichte ihn dem Inquisitor, worauf ihr der. Kaiser sagte: „Meine Tochter! das ist ein geringes Geschenk. Wenn der Don jemals zu Dir kommt, und Dich um eine. Gnade bittet, so mußt Du es gegen dieselbe Austauschen." -Es war aber noch eine andere Beziehung, die der Inquisitor zum kaiserlichen Hofe in Wien hatte. In Wien angelangt, suchte und erhielt Diego de Aguilar bald eine Audienz bei der Kaiserin. Ehe er zu reden anfing, sank er vor ihr auf's Knie und reichte ihr stumm den Kinderhandschuh hin; er rief ihr die Scene in . Madrid mit kurzer Schilderung zurück. Die Kaiserin erinnerte, sich deutlich und sagte ihm das in freundlichen Worten. Diego de Aguilar erzählte ihr nun sein furchtbares, unverschuldetes Schicksal, seine Flucht, seine Zuversicht, von der erhabenen Monarchin geschützt zu werden. Ihn hatte die Hoffnung nicht betrogen, die edle Frau hörte ihn gerührt und theilnehmend an und gestattete ihm, in ihren Staaten in Wien zu leben und dem Glauben, in dem er geboren ward, zu dienen. Niemand als der Gemahl der Monarchin, den der Inquisitor aus der Taufe gehoben hatte, erfuhr um das Geheimniß, und er soll geäußert haben: „Hätte ich gewußt, daß es ein Jude ist, der mich tauft, ich hätte mich aus seinen Händen in das Taufbecken fallen lassen." Diego de Aguilar, auch der Baron Aguilar genannt, lebte nunmehr ungestört in Wien. Der Umstand, daß die Monarchin, die niemals mit . einem Juden sprach/.-diesem mit. besonderer Huld zugethan war und ihm: die großartige Pachtung. deS Tabakmonopols. in ihrer Monarchie übergab, sein unermeßlicher Reichthum, sein plötzliches unerklärtes Auftreten, seine vielen Beziehungen zu den einflußreichsten Personen am Hose, sein strenger, würdiger Charakter, seine fast asketische Lebensweise, während feine Freunde wie bei einem Fürsten tafelten — all dieses vereinigte sich, um seine Persönlichkeit mit einer geheimnißvollen Atmosphäre zu umgeben, mit einer Ehrfurcht, die, wenn auch durch, den. Gedanken an den Juden abgestoßen, ihm doch wieder huldigen müßten -So lebte, wie ex auch genannt zu werden pflegte, der spanischjüdische Grande, von dem es hieß, daß er, wenn auch nicht bei öffentlichen Anlässen, mit-der Monarchin bedeckten Hauptes reden dürfe, viele Jahre in Wien, eirRäthfel, für das sich endlich der neugierigste Scharfsinn abstumpfte. Ju diese Zeit fällt die Schöpfung: der ersten türkischjüdischen Gemeinde in der österreichischen Monarchie durch — Diego de Aguilar. Als Prinz Eugen die Festung Temesvar, nachdem sie einhundertvierundsechszig Jahre unter, türkischer Herrschaft gestanden, nach achtnndvierzigtägiger Belagerung genommen hatte, zog er am 13. October 1716 als Sieger durch eines der vier Thore der Stadt, durch das sogenannte Forforofer ein, welches die Oesterreicher ihm zu Ehren fortan das Eugenthor nannten. Während der Belagerung flüchteten die Juden, etwa fünfzig Familien, nach Belgrad und Semlin. Prinz Eugen gab ihnen freie Wahl: entweder türkische Unterthanen zu bleiben, oder, wenn sie nach Temesvar zurückjkehren wollten, österreichische zu werden. Folgende sechs der angesehensten. Familien folgten dem Ruse: Baruch, Tewet, Taitasak, di Lion, Loronel, letztere zwei aus Spanien und Amigo aus Arabien. Deutsch-jüdische Familien durften Anfangs sich hier, nicht ansiedeln und kamen erst etwa 15—20 Jahre später nach Temesvar. Amigo, wegen seiner Reichthümer Ke cico, der kleine König, genannt, kam vier Mal im Jahre nach Wien und war der Gastfreund Diego de Aguilar's. Dieser wußte es durch seinen Einfluß.dahin zu bringen, daß den Juden der über dem Prinz-Eugenthor befindliche weite Thurm cingeraumt wurde, um das Innere in eine Synagoge umzuwandeln. Es fand dies im Jahre 1755 statt*). *) Als durch den neuen Festungsbau die Thore ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.