Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1854)
- Date
- 1854-12-11
- Page
- Seite 631 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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631 s ter Nacht.! Das Weib aber ließ sich nicht abweisen und: sie sagte: ihr Kommen sei dem Inquisitor wichtiger, als: ihr, denn sie habe ihm ein großes Geheimniß anzuvertrauen. Der Inquisitor wurde darauf geweckt, er stand vom Lager auf, warf nur einen weiten Purpurmantel um seine Schultern und empfing in einem matt erleuchteten Saale - das fremde Weibwelches sich stumm und tief vor ihm r verneigte und todtenblaß und zitternd die Augen vor ihm ' senkte. - ' ' ■ : :; „Was willst Du von mir?" redete er sie an, „und wer bist Du?" - - - Das Weib versuchte zu reden, aber es bewegten sich nur ihre- Lippen. ' . - Und es redete der Jilquisitor wieder zu ihr: „Fasse Dich- und sprich zu mir.'" . ' Darauf sagte sie: „Herr! Du hast heute eine Jungfrau zum Tode verurtheilt." — Er antwortete: „Sie lebte als Christin und gehörte dem Judenthume an." Da fragte sie, ob keine Rettung für die Unschuldige sei? sie allein trage die Schuld, sie, ihre Mutter. Der Inquisitor antwortete ihr: „Sie wird morgen den Feuertod erleiden, Dein Geftändniß aber habe ich nicht gehört, die Nacht hat es verschlungen. Fliehe meine Schwelle." Bei diesem Worte wandte er sich zum Gehen, da faßte ihn das Weib an seinem Mantel, sah sich scheu im Saale um, ob Niemand Zeuge sei und sprach: „Es ist, die Du zum Feuertode verurtheilt hast, Deine leibliche Schwester." Bei diesen Worten riß sie das Busentuch auseinander und sagte noch: „Du selbst hast an dieser Brust mit ihr die Muttermilch gesogen." Als sie der Inquisitor bei dieser Rede für wahnsinnig hielt, erwiederte sie: „Ich bin nicht wahnsinnig. Du gehörst wie ich den Geschlechtern der Anoßim an." Darauf erzählte sie ihm, daß sie eines ihrer Kinder, um sich vor jedem Verdachte zu schützen, dem geistlichen Stande gewidmet habe, ein Kinddas redseliger als ihre anderen, den geheim gehaltenen jüdischen Gottesdienst hatte verrathen können. Sie nannte ihm einige Merkmale und rief mit ihnen Bilder und Eindrücke aus seiner Kindheit in ihm wach; sie raunte eine hebräische Gebetformel und nannte ihn Mosche! Da wurde ihm Dunkles klar und er erkannte sich. Als er, vor dem Weibe zurückweichend, umzustürzen drohte, rief sie: „Schema Jisrael!" und hielt ihn mit ihren Armen aufrecht Und redete weiter: „Auf, mein Sohn! Auf, rette Deine Schwester! " Er ließ sich wie erstarrt von ihr halten, er soll da ausgesehen haben wie eine Leichedie in Purpur gehüllt auf der Erde lag und aufgerichtet wird. Sie faßte ihn kräftiger und sprach noch viele lebendige Worte zu ihm, bis - er die Augen aufschloß und es, ein Lebenszeichen, um seine Lippen zuckte. Er wankte, von ihr geführt, einem Lehnstuhle zu, dann eilte sie an die Thüre des Saales und schloß sie ab. Als sie zurückkehrte, flössen Thränen über seine Wangen. Sie begrüßte ihn mit einem „Baruch Häschem," d. i. Gesegnet sei Gottes Name, und umarmte ihn und lsah; ihn an, den sie seit - seiner Kinderzeit nicht gesehen, nach dem sie sich gesehnt all ihr Lebelang und dem sie sich niemals zu nähern gewagt hatte. Als sie wieder sprach: „Du wirst sie retten!" fuhr er sich über die Stirne mit der flachen Hand und zog sie durch die langen schwarzen Haareda sollen bleiche Funken aus ihnen hervorgeknistert haben, was sie seltsam erschreckte. Er' richtete sich empor und sagte nur die zwei Worte zu ihr: „Harre mein," und verschwand durch eine Tapetenthüre. Mau kann sich denken, welche Gefühle in ihrem Herzen waren in diesem Augenblicke! Der Inquisitor kehrte, in einen dunklen Mantel gehüllt, bald zurück; er überreichte ihr ein Kästchen, er selbst verbarg sorgfältig einen weißen, kleinen Handschuh in seiner Brust. Er soll ihr nur gesagt haben: „Wir müssen eilen." Darauf nahm er die Lampe vom Tische und stieg mit ihr die Treppe nieder; unten löschte er die Lampe aus, der schläfrige Pförtner erkannte die Stimme seines Herrn und öffnete auf sein Geheiß. Beide gingen rasch, ohne ein Wort zu wechseln, durch die Straßen; die Mutter hoffte der Rettung ihres Kindes entgegen. — Am folgenden Morgen drängten sich unzählige Menschen durch die Straßen von Madrid, um zu sehen, wie ein Menschenherz in Flammen stirbt. Das Judenmädchen bestieg den Scheiterhaufen und die sie begleitenden Priester suchten sie zum Christenthume zu bewegen; fie blieb auf alle ihre Reden stumm; als sie aber immer drängender wurden, sprach sie statt aller Antwort in hebräischer Sprache einen Psalm, so daß es das Volk ringsum hören konnte, worüber es noch erbitterter wurde und zu jubeln anfing, als die Flammen zu der Jungfrau emporschlugen. — — Das Verschwinden des Inquisitors erregte ungeheures Aufsehen. Niemand wußte um den Grund und Niemand konnte ihn auch nur ahnen.-