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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-12-11 · Heft 50 (11.12.1854) · p. Seite 630

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 50 (11.12.1854)
Date
1854-12-11
Page
Seite 630 (sequence 6)
Language
German
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Abhandlungen verschiedenen Inhalts. Geschichte Diego de Agoilar'S. Von Fudw. Aug. Frankl in Wien. Das Volk ist ein merkwürdiger Poet; wie seine Phantasie gleichsam die Summe ist der Phantasie der vielen Einzelnen, so schafft .es' meist auch ungeheuerlich und gigantisch und wieder lieblich und zart, wie denn auch nach dem Volksmährchen der Riese zuweilen mit Alräunchen und.Blumen spielt. Nicht ein einzelner Dichter, wenn er auch die Gestalten edler gemeißelt und in Gruppen vereinigt hat, die Phantasie eines ganzen Volkes erfand langsam bildend die Jliade und. die Nibelungen, das Schachnameh und die Fingallieder. Das Volk erfindet.aber, ebenfalls wie der einzelne Dichter, nur selten Gestalten und Thaten; wie phantastisch sie auch sind, immer wurzeln sie in einem historischen Grunde und mit seinem genialen unbewußt wirkendem Witze verbindet es oft die sich fernst stehenden Begebenheiten und diese wieder mit Figuren, die oft durch Weltanschauung, Sitte und Jahrhunderte von einander geschieden sind. Der spanische Cid und der serbische Marko Kraljewitsch, der Zauberer Merlin und der Dichter Klingsor sind solche poetische Menschen, deren sich der Poet im Volke, die mächtig wirkende Phantasie eines ganzen Zeitalters bemächtigt mit allem Zauber ausgestattet und die es mythisch und sagenhaft gemacht hat. Heil dem Helden, dem Weisen, dem Dichter, den die Phantasie des Volks ergreift und verklärt) er wird unsterblicher, als durch die Annalen des Geschichtsschreibers! Das Volk, aber wählt oft, seltsam genug, zu seinen Lieblingen nicht immer diejenigen, die es von einem Tyrannenjoche befreit, die es Weisheit und Sitte gelehrt, die sein materielles Wohl gefördert haben. Der kühne Räuber, der tragische Rebell, Tullia und Drahomira sind oft seine Helden und Heldinnen, die es mit allem Zauber der Phantasie ausstattet und wenn auch fluchwürdig darstellt, doch poetisch verklärt. Wenn das Volk in solcher Art nicht immer dankbar gegen seine Wohlthäter sich erweiset, rächt es dafür oft die gesinnungslose Schmeichelei eines ganzen Jahrhunderts, indem es zuweilen manchen als Heroen feil und feig gepriesenen Männern ein einfaches Spottlied nachpfeift, irgend eine unscheinbare Thatsache aufbewahrt, welche den Nachlebenden die ganze Lüge einer erbärmlichen Zeit, die volle Schmach falsch vergoldeter Thaten aufdeckt und als gründlich yerachtungswerth darlegt.; Wehe dem Charakter, wehe. der.Zeitwelche dieser unbewußt geführten Rache des Volkes anheimgefallen; der Geschichtsschreiber wird sie vergebens zu retten versuchen! Der das Volksbewußtsein bei seinen poetischen Erfindungen leitende Instinkt ist bewunderungswürdig; magnetempfindlich trifft; er die Richtung, die ein Charakter in seinem innersten Wesen hatte, wenn auch, wie der Magnet eben, etwas abweichend. Die Volksphantasie dichtet im Charakter und im Geiste des erwählten Helden und der Zeit, in der er gelebt hat. Dieser Instinkt der schöpferischen Volksphantasie hat vom Dämonischen in sich, sie dichtet seltener an , als heraus aus den Charakteren, denen sie sich verwandt und von deren Dämon sie sich angezogen fühlt. . , Diejenigen - welche die Kunst der Geschichtschreibung treiben, wissen das und Sage und Ueberlieferung sind ihnen oft wichtiger, wie das trockene historische, Document, wenn eS gilt, jenen feinen Aether, der..die Thatfachen umgab, den Hauch, der in einem Zeitalter wehte, zu erkennen und festzubannen. Wenn ich hier versuche, die Gestalt eines ManneS zu zeichnen, der die Einbildungskraft der Zeitgenoffen vielfach beschäftigte, dem sie genug des Phantastischen und Abenteuerlichen angedichtet haben, so ist diese Gestalt doch keine solche, die in weiten Kreisen bekannt geworden, ins Volksbewußtsein übergegangen ist. Wie denn auch manche sich loslösende, zur Lawine bestimmte Schneeflocke durch Weiterrollen sich ballt, durch ein zufälliges Hinderniß inne hält und nicht zur mächtigen Lawine wird. Auch die mythischen und sagenhaften Gestalten haben ihr Schicksal. Mosche, Lopez Parera ist eine solche Gestalte Ich werde hier einfach erzählen, was mir aus glaubwürdigem Munde, dem des ehrwürdigen Chacham der türkisch-jüdischen Gemeinde in Wien, Herrn Rüben Baruch mitgetheilt worden ist. Ihm erzählte es sein Vater, der Chacham Juda und sein Großvater der Chacham Abraham, der ein Sohn des Chaim Jehuda Baruch gewesen ist, welcher als Saraf, d. i. Wechsler des letzten Vesiers in Constantinopel lebte. In einer Nacht klopfte es heftig an die Palastpforte des Inquisitors Diego de Aguilar in Madrid. Ein Weib forderte Einlaß, um vor den Inquisitor geführt zu werden; der Pförtner verweigerte ihr den Eintritt in so spä-

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