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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-12-04 · Heft 49 (4.12.1854) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 49 (4.12.1854)
Date
1854-12-04
Page
Seite 622 (sequence 12)
Language
German
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622 tine die Responsorien des gutgeschulten Chors leitete. Gesang und Vortrag bildeten ein schön und harmonisch verwebtes Ganze, und sichtlich angeregt und gehoben schied die zahlreiche Versammlung. Zur Ehre der Wahrheit will ich es glauben, dieser Gottesdienst war einer jener Lichtpunkte in der Geschichte des jüdischen Cultus, wo die Kraft und Erhabenheit des jüdischen Glaubens über seine eignen gleichgültigen Söhne triumphirt, von ihren tadelS- und neuerungssüchtigen Herzen den Zoll der Rührung erpreßt und sie auf's Neue mit ihrem Gotte und seinen Lehren versöhnt. Vor Allem aber hätte ich den zahlreich anwesenden Christen zurufen mögen: O, haltet Euern Fuß nicht fern von Israels Gotteshäusern; betretet öfters die gastlichen Schwellen der Synagoge! Und wenn Ihr wcggehet, so gebt der Wahrheit die Ehre, und verkündet Euern Brüdern draußen, was Ihr gehört und gesehen.' Verkündet ihnen, daß wir zum Gotte der Liebe beten, daß wir für König und Vaterland flehen, daß wir die Leiden der Menschheit innerst mitfühlen im schmerzgewohnten Busen, daß wir die Frommen und Edlen aller Bekenntnisse selig Preisen. O, dann wird, dann muß bald kommen die holde Zeit der Liebe und des Friedens, das Ende alles Zwiespaltes, der Sieg der Wahrheit und der göttlichen Verheißung! H. Zirndorf. Berlin, 26. October 1854. Während eines kurzen Aufenthaltes in dem reizend gelegenen Koblenz wollte es der günstige Zufall, daß ich an meiner Weiterreise verhindert, den ‘tidid D*r daselbst verlebte. Ich besuchte des Abends die dortige Synagoge, die in ihrer einfachen und gefälligen Bauart viel Eleganz und Pracht entfaltet und zeichnet sich namentlich die Fahnde an der heiligen Lade, zu der einige Stufen hinanführen, nebst der zur Seite befindlichen Kanzel, vortheilhaft aus. — Der öffentliche Gottesdienst hatte noch nicht begonnen, heilige Stille herrschte ringsherum; Männer und Frauen nicht durch Gallerten, Gitter und Vorhänge ängstlich von einander geschieden, saßen in Andacht versunken, da trat nach einigen Minuten der Rabbiner Ben Israel durch eine Seitenthür ein und in demselben Augenblick ließ die Orgel ihre Hellen, mächtigen Töne vernehmen und begleitete das ergreifende Lied: „O Tag deö Herrn, du nahst," das von dem Chordirector meisterhaft gesungen wurde. Deutsche und hebräische Gebete folgten abwechselnd auf einander und eine Predigt, worin der Rabbiner in gediegenen und begeisterten Worten über die Bedeutung des Festes sprach, leitete zuletzt auf die ivth hin, mit der die schöne Feier endete. — Nicht minder erhebend und zur Andacht stimmend verlief der folgende Tag. Den tiefsten Eindruck machte jedoch neben der min? die Seelenfeier, die vor dem NN2N Gebet durch einen vierstimmigen Choral eingeleitet wurde, worauf der Rabbiner wieder die Kanzel bestieg und die Frage erörterte: Wie ehrt man das Andenken an die Verstorbenen? — Die Gemeinde erhob sich alsdann zu einem stillen, inbrünstigen Gebet, kein Laut wurde vernommen, nur hier und da entwand sich ein Seufzer der beklommenen Brust und leise spielte die Orgel einige Trauermelodien dazu. — Führwahr, diese Feier erinnerte mich lebhaft an eine Stelle Jean Paul's, die heißt: ,,Wenu der Geistliche die Herzen wie Altäre zur Andacht einweihte, und dann sagte: nun wollen wir beten, darauf schwiege, die Hände faltete, Haupt und Augen senkte und so mit ihm die ganze Gemeinde, und wenn in dieser kurzen Innenfeier die Orgeltöne eines Chorals langsam gingen und mitbeteten, — so wird es schwer sein, nicht zu beten oder nicht recht zu beten." Und so war es auch dort. Die ganze Gemeinde war sichtlich ergriffen, sie fühlte den Ernst, die Weihe der Stunde, es war eine rührende Stimmung. Ein Sologesang: ,,Was ist der Mensch," recht innig vorgetragen, folgte ganz passend dem Gebet. — Mit Beendigung des nachdem von dem Rabbiner in einem deutschen Schlußgebet nochmals unser Glaubensbekenntniß, die Devise des Judenthums, das „Höre Israel" gesprochen und Chor und Gemeinde unter Orgelöegleitung die schöne Melodie des und die sogenannten riYDTü mit voller Kraft gesungen — endete auch der Tag des Herrn. — Ruhe, Anstand, Würde, Andacht, verließ keinen Augenblick die Gläubigen, nichts störte den günstigen Eindruck und wir mußten offen gestehen, einen solchen Gottesdienst haben wir noch nirgends wiedergefnnden. — Verwundert wird mancher Leser fragen, wie ist es möglich, eine Gemeinde, die auS so verschiedenen Elementen besteht, den ganzen Tag in andächtiger Stimmung zu erhalten? Und doch ist dem so. Mit richtigem Kennerblick hat der Rabbiner zwischen den einzelnen Gebetabschnitten Pausen von einer halben Stunde eingeführt und zwar um 11 Uhr nach Beendigung des rmmr und um 3 Uhr nach Beendigung des böie. Diese Pausen sind sowohl eine'Erholung für den Cantor, der nicht durch einen sogenannten m-mu) oder nna» Chasen abgelöft wird, sondern von früh bis Abends mit

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