Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1854)
- Date
- 1854-12-04
- Page
- Seite 617 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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617 Von Kompert erscheinen bald bei Juncker in Berlin zwei Bände neuer jüdischer Novellen, die sehr interessante Objecte zum Vorwurfe haben. In Betreff des Herrn Spitzer, Docenten an dem hiesigen k. k. polytechnischen Institute, erlaube ich mir nachzutragen: Es sind mir dieser Tage Briefe zu Gesicht gekommen von dem Director der geologischen Reichsanstalt, wo derselbe Herrn Spitzer aufs Wärmste folgenden Herren empfiehlt: Freiherrn von Augustin, Feldzeugmeister, Ritter von HauSlab, Feldmarschalllieutenant u. s. w., und bittet, diese bedeutende mathematische Kraft in einer Militairanstalt verwenden zu wollen. — Sie mögen daraus schließen, welch eine Capacität dieser Mann ist. Spainen. Magdeburg, im November. Unser Gesuch an die Cortes hat in Madrid großes Aufsehen gemacht, und die bedeutendsten Journale haben es bereits zum Gegenstände ihrer Verhandlungen genommen. Las novedadas vom 20. October heißen es mit Vergnügen willkommen und glauben an dessen Erfüllung , indem sie mit kräftigen Worten es den Gesetzgebern empfehlen. „Es giebt keinen vernünftigen Grund," sagen sie, „die Petition der Israeliten zu verwerfen. Vom staatsökonomischen Standpunkte aus würde ihre Wiederherstellung in Spanien bedeutende Vortheile bringen." Ja, sie erhoffen eine Vermehrung der Bevölkerung und der Städte davon. — Die Esperanza üont 2l. October erklärt sich in einem langen Artikel grundsätzlich nicht dagegen, erhebt sich aber heftig gegen unsere Bemerkung, daß Juden in Spanien eher wohnten, als es christlich ward. Sie glaubt darin einen Anspruch auf den Besitz Spaniens zu erblicken, und sagt, daß Ln diesem Falle es nöthig sei, daß die Christen „coger nuestro equipaje“ (ihr Gepäck zusammenraffen") und Spanien verlassen. — Ihr antwortet in einem langen Artikel der Clamor publico vom 24. October, indem er in geistreicher Weise die närrische Furcht der Esperanza verspottet. In die Frage eingehend, bemerkt er, daß Spanien niemals in größeren Verfall gerathen, als seitdem die religiöse Einheit ganz und unbegrenzt geworden, auf welche sich gerade die Gegner der geforderten Wiederherstellung stützen. Er schließt, indem er Spanien die Hülfe der Eapitalien, der Industrie und Thätigkeit der Hebräer verspricht. Die Esperanza vom 26. lenkte deshalb um, behauptete, keine Furcht zu hegen, und daß eben so wenig die Folgen der Gewissensfreiheit zu fürchten seien, als daß in Spanien Juden wohnen. Sie wolle aber, daß der Verfall Spaniens allein von einheimischer DiScussion getragen werde. Man steht hieraus, wie allgemein der Anklang ist, dessen wir uns zu erfreuen haben, und wie wenig die Gegner zu erwiedern haben. Gebe Gott weitern Fortgang an entscheidender Stelle. Italien. Ancona, im November. Wir haben in Nr. 47 den Raub der Leiche eines Judenkindes in Sinigaglia berichtet. Folgender Bericht in dem (Missionsblatt) London 8abbatb Ileeorder laßt uns einen noch trüber» Blick in die im Kirchenstaate gesetzlichen Zustände thun. Dort heißt es: Wenn der Leser mich in das Ghetto von Ancona begleiten, sagt ein Reisender in Italien, und einen Blick auf die Zustande der Einwohner werfen will, wird er sehr erstaunen, wenn er in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts so manche Ueberbleibsel der Unterdrückung und Tyrannei, unter welcher die Hebräer einst allgemein schmachteten, finden wird. Die jüdische Gemeinde in Ancona besteht aus 3000 Personen — eine große Menge, da die ganze Bevölkerung kaum 30,000 beträgt — und diese sind durch daS Gesetz auf einen kleinen und dichtgedrängten Theil der Stadt beschränkt, in welchem die Straßen so eng sind, daß zwei Menschen' buchstäblich nicht neben einander gehen können, und das Wunder ist, wie man hier jemals bauen, und in solch außerordentlicher Nähe.so massive Gebäude errichten konnte. Der Mangel an Reinlichkeit, an Licht, an Luft in dieser elenden Region ist unbeschreiblich; aber so groß diese Uebel sind, erscheinen sie als Kleinigkeiten in Vergleich mit der Verachtung und den beschwerlichen Gesetzen und Beraubungen, durch welche die Bewohner fortwährend eingeengt sind. Sie dürfen ihre Tobten nicht bei Tage zum Begräbniß auf den wilden, wüsten Gottesacker bringen außerhalb der Thore, wenn sie nicht unvermeidlich den Scherzen und Spöttereien der Einwohner ausgesetzt sein wollen, welche notorisch Steine auf ven Sarg werfen, wenn er vorbeizieht. Es ist allein unter dem Schutze der