Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1854)
- Date
- 1854-11-06
- Page
- Seite 570 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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570 dem in der Auffassung der Religion als etwas ConcreteS, Gegebenes, historisch Begründetes. Sie wissen, daß ich hiermit nicht das Judenthum als verewigten Schulchan Aruch verstehe: das Bestehende einer Religion ist ja auch nicht bloS Minhag und Halachah, sondern wesentlich die Fortentwickelung auf dem geschichtlichen Bunde. Nicht daß eine Satzung talmudisch oder vortalmudisch sei, macht ihren Werth aus, sondern daß es eine das jüdische Leben durch Jahrhunderte beherrschende und gestaltende Satzung war. Zu dieser Anschauung ist die höhere Intelligenz zurückgekehrt. Aber nur religiöse Geistlosigkeit ist es, wenn einerseits die hiesige Reform aus dem biblischen Judenthume willkürlich einige Lehrsätze und einige Festtage herausnimmt, auch wohl den Zerstörungstag Jerusalems feiert — aber den Sabbat auf den Sonntag verlegt, die Beschneidung aufhebt, den Jom Kippur, so weit eS an ihr ist, beseitigt, die Jahrszeit und den Kaddisch entfernt, kurz die ganze geschichtliche Gestalt deS Judenthums zerbricht und all deren religiösen Inhalt verschleudert, und dann doch noch Judenthum sein will! Religiöse Geistlosigkeit ist eS, wenn andrerseits Sachs das Anathem über die Reform ausspricht, dennoch aber die Nothwendigkeit der Reform nicht verneint, niemals aber ausspricht, was nun eigentlich das wesentlich concrete Judenthum ist, und dabei Synagoge und Schule verfallen läßt. Es ist daher hüben und drüben nichts wahrhaft Religiöses, und wenn Einzelne für die Reform „schwärmen," Einzelne für Sachs — so ist es zuletzt immer etwas Unhaltbares, über welches die Zeit, hinweggeht, in Wahrheit schon hinweggegangen ist, da eS eben nur local und persönlich geblieben. Ich kann mich daher mit den Voraussagungen Ihres Correspondenten nicht einverstehen, daß bald die ganze Gemeinde zur „Reform" gehören werde — es kann sein, aber welch' Unglück wäre dies für daS Judenthum Berlins! Wenn die „Reform" officiell durch den Mund ihres „Rabbinen Holdheim" von der Kanzel die Offenbarung leugnet, und sie würde daS Judenthum Berlins, so würde Berlin wenig Judenthum mehr in sich haben. Ist doch jene eben gedachte „Geistlosigkeit" stark genug in der „Reform" vertreten, da sie es nicht einmal zu einem tüchtigen Redner bringen konnte, welcher in dem Gottesdienst, dieser einzigen Manifestation deS Reformjudenthums, Geist und Herz aufrecht erhalte, und jenem „Geschmacke" genüge, um dessentwillen die ganze Reform entstanden sein soll! . - So betrübt sieht es bei uns aus. Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 27. Oktober. (Privatmitth.) Ich habe Ihnen heute eigentlich auf speciell jüdischem Gebiete wenig mitzutheilen. ES find alle Gemüther von Sorgen befangen, da auch bei uns leider die Cholera eingezogen ist. Das lebenslustige Wien fastet und entbehrt. Dem Himmel sei Dank, daß sie bis jetzt noch nicht so heftig aufgetreten ist, wie in München u. s. w. Unter der Zahl der Verstorbenen finden sich Gott Lob l sehr wenig Juden. Wenn auch diese Woche die medicinische Wochenschrift einen Vortrag des Herrn Professors Skoda brachte, worin dieser erklärte, daß die Aerzte nichts über das Wesen der Cholera wissen, daß all die Präservativmittel: Diät, Räucherungen u. s. w. nur zur Beruhigung deS Publikums sind, so glaube ich doch, daß die Erscheinung dadurch zu erklären ist, daß die Juden viel mäßiger leben. —> Einen schönen Zug eines hiesigen Hausbesitzers theilten die hiesigen Journale mit. Derselbe ließ eine Currende an alle Parteien seines großen Hauses gehen, worin er erklärt, daß auf seine Kosten täglich überall geräuchert werden solle; auch ist er erbötig, den Parteien, die eS bedürfen, den Arzt und die Medicamente zu bezahlen u. s. w. Es freuet mich, Ihnen sagen zu können, daß der Hausbesitzer ein Jude ist, und zwar Herr Jaque, Erbe deS sel. Herrn von Wertheimstein. Es kam auch diese Woche der Fall vor, daß ein Jude mitten unter den 26 Verstorbenen auf den christlichen Gottesacker begraben wurde. Auf Verwendung des Vorstandes hat die hohe Statthalterei bewilligt, daß derselbe ausgegraben werde. Herr L. A. Frankl läßt jetzt eine Fortsetzung seines „Hippokrates und die Medicin," das fünf Auflagen erlebte, erscheinen, nämlich: Hippokrates und die Cholera. Hoffen wir, daß dies wirksamer sich gegen diese böse Krankheit zeigen werde, als so manche Medicin. Ein heiteres Gemüth ist gewiß weniger für böse Einflüsse empfänglich, als ein verstimmtes. Wie ich so eben höre, soll Herr Ebersberg, Re-