Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1854)
- Date
- 1854-11-06
- Page
- Seite 569 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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569 ein schönes werden wird, unterliegt wohl keinem -Zweifel. Berlin, 28. October. Des Königs Majestät haben mittelst CabinetSordre vom 21. October d. I. der Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und deS Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate zur' Annahme deS ihr durch letztwillige Disposition der verstorbenen Wittwe Sara Levy geb. Jtzig, ausgesetzten Legats von 5000 Thlrn. die landesherrliche Genehmigung ertheilt. —. Vorgestern Abend hielt das Repräsentanten- Collegium der jüdischen Gemeinde eine Sitzung, welcher auch der Decernent des Polizeipräsidiums für jüdische Gemeindeangelegenheiten, Reg.-Rath Gerber, beiwohnte. Es wurde darin die Neuwahl für die Seitens des Polizeipräsidiums aus der frühem Wahl nicht bestätigten zwei Mitglieder des Vorstandes und zwei Stellvertreter derselben vorgenommen, nachdem deshalb mehrere vertrauliche Besprechungen vorher stattgehabt. Es wurden definitiv zu Mitgliedern des Vorstandes der Kaufmann PH. Liehermann und der Makler Gabr. Cohn und zu Stellvertretern der prakt. Arzt Dr. M. I. Meyer (Sohn des vor Kurzem verstorbenen Geh. Comm.-Rath Jac. Wr. Meyer) und der Kaufmann Sal. Moser gewählt. Nachdem auch diese Neugewählten die Bestätigung deö K. Polizeipräsidiums erhalten haben werden, ist die nach dem Gesetz vom 23. Juli 1847 vorgeschriebene Vertretung der hiesigen Synagogengemeinde vollständig constituirt und somit das erwähnte Gesetz für Berlin und die dazu gehörigen umliegenden Ortschaften definitiv, eingeführt. : Berlin, Ende October. (Privatmitth.) So tüchtig und achtunggebietend Ihr hiesiger Correspondent auch.sei, so berichtet er doch meist nur über specielle Gegenstände und Personen, so daß einem Andern noch immer Feld genug bleibt. Gestalten Sie mir daher, heute einen Blick auf das Allgemeine zu werfen. — Vor Kurzem starb hier, wie auch berichtet worden, die rühmlichst bekannte Sara Levy — mit dieser starb der letzte Zeuge einer schönen Zeit im jüdischen Berlin! Jene Zeit, wo eine große Zahl jüdischer Männer und Frauen hier ihren Geist, ihre Kräfte und ihre Mittel einem wissenschaftlichen Streben, dem Eifer für Erkenntniß und Geschmack gewidmet hatten, t wo in jüdischen Häusern die größten Gelehrten und Künstler ihren Sammelplatz, ihre Salons fanden, wo jüdische Reiche es fich zur Ehre schätzten, einheimische t und fremde Sommitäten bei fich zu sehen, und da- . durch, daß sie verstanden, Mittel-und Anziehpunkt 3 für diese zu sein, sie wirklich bei sich sahen. Von e allem diesem jetzt keine Spur mehr. Unsre Reichen x wie unsre Bemittelten wissen von Wissenschaft und - Kunst nichts mehr, die Literatur ist ihnen so gleiche gültig wie eine Papiermühle, Künstler — wenn es nicht etwa Schauspielerinnen und Tänzerinnen sind - — und Gelehrte sind ihnen hungerleidende Schma- , rotzer und Bettler, sie sind gänzlich in Erwerb und Z LuruS versunken. Die Männer jagen .Spekulationen ) nach, die Frauen sind in dem lächerlichsten Streben l nach Vornehmthuerei versessen. Es werden die For- - men der vornehmen Welt in carrikirtester Weise nach- - geahmt, und diese Formen mit einem äußern Lurus - bekleidet, welcher eben so das Vermögen Vieler rui- - nirt, wie den Neid und die Verachtung von christx licher Seite hervorruft. So lange alle diese Erschei- - nungen neben besseren, geistigen und geistreichen ste- - hen, so sind eS eben Gebrechen der Zeit, und obschon x wir von Juden etwas Anderes verlangen könnten, würde man doch sich trösten mit dem banalen Worte: :. „wie es sich chriftelt, jüdelt eS sich." Wenn aber in 3 der That eine erschreckende Geistesstumpfe vorhanden, 't wenn unter den Vielen fast Niemand, fast Niemand - sich über das Niveau der gewöhnlichsten Philister- - bildung erhebt, und durch diesen Mangel an Geist r und Wissen auch kein Strahl eines bessern StrebenS - bricht, ja noch dazu eine schnöde Verachtung alles Höhern sich offen spreizt — — da, da möchte man blutige Thränen weinen, und muß sich gestehen, eS - ist nicht alles unverdient, was geschieht.... t Eines erweist sich nun hierbei, was bei allem e Kummer etwas Tröstliches hat: mit dieser Geistlosigh keit geht nicht etwa ein religiöser Geist zusammen,;, sondern daS gerade Gegentheil — so schwach der - Geist wahrer Bildung hier ist, noch schwächer ist der l, religiöse, und je mehr jener abnimmt, desto mehr b nimmt auch dieser ab. ES war eine Zeit, wo mit :- höherer Intelligenz das Abschwächen des religiösen i- Geistes verbunden gedacht ward. Wir erleben jetzt d daS Gegentheil: die höhere Intelligenz hat ihren Weg n zur religiösen Jntenstvität zurückgefunden, und eine t, solche besteht nicht in einigen abstracten Sätzen, son- 45