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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-11-06 · Heft 45 (6.11.1854) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 45 (6.11.1854)
Date
1854-11-06
Page
Seite 563 (sequence 3)
Language
German
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568 Pfühlen des Glücks und fast stinkt vor Wohlbehagen? Das Buch Hiob löst nicht diese Frage. 3m Gegentheil, dieses Buch ist daS Hohelied der Skepsis, und es zischen und pfeifen darin die entsetzlichen: Schlangen ihr ewiges: Warum? Wie kommt es, daß bei der Rückkehr aus Babylon die fromme Tempelarchiv-Commission,. deren Präsident Esra war, jenes Buch in den Canon der heiligen Schriften ausgenommen? Ich habe mir oft diese Frage gestellt. Nach meinem Vermuthen thaten solches jene gotterleuchteten Männer*); nicht aus Unverstand, sondern weil sie in ihrer hohen Weisheit wohl wußten, daß der Zweifel in der menschlichen Natur tief begründet und berechtigt ist, und daß man ihn also nicht täppisch ganz unterdrücken, sondern nur heilen muß. Sie verfuhren Lei dieser Cur ganz homöopathisch, durch das Gleiche auf das Gleiche wirkend, aber sie gaben keine homöopathisch kleine Dosis, sie steigerten vielmehr dieselbe auf's Ungeheuerste, und eine solche, überstarke; Dosis von Zweifel, ist das Buch Hiob; dieses Gift durste nicht fehlen in.der Bibel, in der, großen Haus-Apotheke der Menschheit. Ja, wie der Mensch, wenn er leidet, sich ausweinen muß, so muß er sich auch , auszweifeln, wenn er. sich grausam gekränkt fühlt in seinen Ansprüchen auf Lebensglück; und wie durch das heftigste Weinen,, so entsteht auch, durch den höchsten Grad des Zweifels, den die.Deutschen so richtig die Verzweiflung nennen, die Krisis der moralischen Heilung. — Aber wohl demjenigen; der gesund ,ist und keiner Medicin bedarf! " Damit schließt der erste Band. Wir haben diese Worte angeführt, am meisten nur, um damit den Ernst zu erweisen, der jetzt Heine in religiös-sittlicher Beziehung durchweht — läßt er sich doch schon auf theosophische und biblisch-kritische Fragen ein! Auch darin können wir ihm Recht geben, daß das Motiv der Aufnahme Hiobs in den Canon war: die Heilung des Zweifels, weil auch der Zweifel berechtigt ist—über sonst hat Heine das Buch Hiob so wenig verstanden, wie so Viele vor ihm und nach ihm, die noch dazu nur nach der Uebersetzung urtheilen müssen, und somit an die größere oder geringere Richtigkeit der Uebersetzung gebunden sind, welche ihnen in den Händen ist. Denn zuerst ist zu bemerken, daß das Buch Hiob den Zweifel erst aus der Rigorosität einer einseitigen religiösen Rich¬ *) Verlangst Du mehr, frommer Bibelverehrer, als daß Heine die Urheber deS Canons als „gotterleuchtete Männer" Anerkennt?: Redact. tung, und zwar der pietistischen, entstehen läßt, welche die Geschicke der Menschen lediglich als eiserne Gerechtigkeitsconsequenz ihrer Handlungen verkündet, so daß jedes Glück der Lohn guter, jedes Mißgeschick die Strafe sündiger Thab sei, so - daß also zugleich jeder Glückliche als Tugendheld, jeder Unglückliche als Frevler charakterifirt, respective: gebrandmarkt' sei! — Und zweitens wird ja die höchste und - wahrhafteste Lösung der Frage im Hiob gegeben, wie wir schon öfter hingewiesen: daß Gott dmrch sein Verhängniß die Menschen zum Lichte deS Lebens erziehe^ und m jedwedem Geschehniß. auch ein Selbstzweck enthalten sei, worüber f. unsere Einleitung zum Buche Jjob in unserm Bibelwerke Th: IU. S. 621 ff. — Mit dieser „homöopathischen^-^ Cur Heine's ist es also nichts, und wären mit so verzweifeltem Erperiment die Canonisten auch schwerlich gerechtfertigt. Uebrigensvergißt-Heine, daß der Canon noch eine - stärkere, weil ernüchternde Dosis im Koheleth enthält. —- - Der zweite- und dritte Band führen auch den besondern Titel ,-Lutetia"; sie enthalten nämlich die Berichte, welche Heine über ,-Politik, Kunst und Volksleben" aus Paris in den Jahren 1846—1844 in der„Augsb. Allg. Zeit." gegeben- Da die'Redaction gedachter Zeitung damals Vieles ihm gestrichen; sö ist das Meiste hier in seinem ursprünglichen Zustand hergestellt, zu Manchem auch eine Note aus der Jetztzeit -hinzugefügt. Wir brauchen über den Reiz des Heine'schen Sthls und über das Interesse, welches er Jedwedem zu geben versteht, kein Wort zu verlieren. Uns-inspeeie Interesstren einige Briefe aus dem Jahre 1840 über die'berüchtigte Damasker Blutgeschichte, in deren Bekämpfung Heine eine rühmliche Rolle spielt. Es war dies damals von um so größerm Werthe, als die „Augsb. Allg. Zeit.'!' stets -eine sehr zweideutige Bundesgenossin für die Juden ist. Wir wollen uns hier natürlich nicht auf das Gott sei Dank! abgethane Factum einlassen , dessen Einzelheiten^ zwar nicht ganz; dessen Motive aber vollständig enträthselt sind. Wir führen nur folgende Stelle aus einem Briefe vom 7. Mai 1840also - als eben die Tragödie angefangen, an: --Der französische Eonsul in Damaskus- Graf Ratti Menton, hat sich Dinge zu Schulden kommen lassen , die hier einen allgemeinen Schrei des Entsetzens erregten. Er ist es, welcher den occidentalischen Aberglauben dem Oriente einimpfte, und Unterden Pöbel von Damaskus eine Schrift austheilte, worin die Juden des Christenmordes bezüchtigt werden. Diese haß- 45*

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