Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1854)
- Date
- 1854-10-30
- Page
- Seite 552 (sequence 4)
- Language
- German
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55S Ghetto, wo die deutschen Gelehrten, Vorgänger und Veginner der Reformation, hinschlichen, um Hebräisch zu lernen, um den Schlüssel zu der Truhe zu gewinnen, welche den Schatz barg *). Ein solcher Gelehrter war der fürtreffliche Reuchlinus, und die Feinde desselben, die Hochstraaten und Comp, in Köln, die man als blödsinnige Dunkelmänner darsiellte, waren keineswegs so ganz dumme Tröpfe, sondern sie waren fernstchtige Inquisitoren, welche das Unheil, das die Bekanntschaft mit der heiligen Schrift für die Kirche herbeiführen würde, wohl voraussahen: daher ihr Verfolgungseifer gegen alle hebräischen Schriften, die sie ohne alle Ausnahme zu verbrennen riethen, während sie die Dolmetscher dieser heiligen Schriften, die Juden, durch den verhetzten Pöbel auszurotten suchten. Jetzt, wo die Motive jener Vorgänge aufgedeckt liegen, sieht man, wie jeder im Grunde Recht hatte. Die Cölner Dunkelmänner glaubten das Seelenheil der Welt bedroht, und alle Mittel, sowohl Lüge als Mord, dünkten ihnen erlaubt, zumal in Betreff der Juden. Das arme niedere Volk, die Kinder des Erb-Elends, haßte die Juden schon wegen ihrer aufgehäuften Schätze, und was heut zu Tage der Haß der Proletarier gegen die Reichen überhaupt genannt wird, hieß ehemals Haß gegen die Juden. In der That, da diese letztern, ausgeschlossen von jedem Grundbesitz und jedem Erwerb durch Handwerk, nur auf den Handel* 2) und die Geldgeschäfte angewiesen waren, welche die Kirche für Rechtgläubige verpönte, so waren sie, die Juden, gesetzlich dazu verdammt, reich, gehaßt und ermordet zu werden. Solche Ermordungen trugen freilich in jenen Zeiten noch einen religiösen Deckmantel." ■— „Ja, den Juden, denen die Welt ihren Gott verdankt, verdankt sie auch dessen Wort, die Bibeln sie haben sie gerettet aus dem Bankerott des römischen Reiches, und in der tollen Raufzeit der Völkerwanderung bewahrten sie das theure Buch, bis es der Protestantismus bei ihnen aufsuchte und das gefundene Buch in die Landessprachen übersetzte und in alle Welt verbreitete. Diese Verbreitung hat die segensreichsten Früchte hervorgebracht, und dauert noch bis auf heutigen Tag, wo die Propaganda der Bibelgesellschaft eine providentielle Sendung *) In ganz gleicher Weise hat Hieronymus bei den Juden geschöpft, um der katholischen Kirche die Bibel zu verschaffen, die (verbesserte) Vulgata. Die Septuag. ist ja so Werk von Juden. Re da et. 2) „Der Handel," aber auch diesen nur in sehr eingeschränktem Maße, denn aller zunftmäßige Handel war ihnen untersagt. Redact. erfüllt, die bedeutsamer ist und jedenfalls ganz andere Folgen haben wird, als die frommen Gentlemen dieser britischen Christenthums-SpeditionS-Societät selber ahnen. Sie glauben eine kleine enge Dogmatik zur Herrschaft zu bringen und wie das Meer auch den Himmel zu monopolisiren, denselben zur britischen Kirchendomaine zu machen: und siehe! sie fördern, ohne es zu wissen,' das Aufgehen in einem allgemeinen Bibelthume. Indem sie die Bibel über die ganze Erde verbreiten, sie so zu sagen der ganzen Menschheit durch merkantilische Kniffe, Schmuggel und Lausch in die Hände spielen und der Eregese, der individuellen Vernunft überliefern, stiften sie das große Reich des Geistes, das Reich des religiösen Gefühls, der Nächstenliebe, der Reinheit und der wahren Sittlichkeit, die nicht durch dogmatische Begriffsformeln gelehrt werden kann, sondern durch Bild und Beispiel, wie dergleichen enthalten ist in dem schönen heiligen Erziehungsbuche für kleine und große Kinder, in der Bibel." „Es ist für den beschaulichen Denker ein wunderbares Schauspiel, wenn er die Länder betrachtet, wo die Bibel schon seit der Reformation ihren bildenden Einfluß ausgeübt auf die Bewohner, und ihnen in Sitte, Denkungsart und Gemüthlichkeit jenen Stempel des palästinensischen Lebens aufgeprägt hat. Im Norden von Europa und Amerika, namentlich in den skandinavischen und angelsächsischen, überhaupt in germanischen und einigermaßen auch in keltischen Landen hat sich das Palästinenthum so geltend gemacht, daß man sich dort unter Juden versetzt zu sehen glaubt. Z. B. die protestantischen Schotten, sind sie nicht Hebräer, deren Namen überall biblisch, deren Cant sogar etwas jerusalemisch klingt, und deren Religion nur ein Judenthum ist, welches Schweinefleisch frißt? So ist es auch mit manchen Provinzen Norddeutschlands und mit Dänemarks ich will gar nicht reden von den meisten neuen Gemeinden der vereinigten Staaten, wo man das alttestamentarische Leben pedantisch nachäfft. Letzteres erscheint hier wie daguerreotypirt, die Konturen sind ängstlich richtig, doch alles ist grau in grau, und es fehlt der sonnige Farbenschmelz des gelobten Landes. Aber die Carricatur wird einst schwinden, das Aechte, Unvergängliche und Wahre, nämlich die Sittlichkeit des alten Judenthums, wird in jenen Ländern eben so gotterfreulich blühen, wie einst am Jordan und auf den Höhen des Libanons. Man , hat keine Palme und Kameele nöthig, um gut zu sein, und Gutsein ist besser als Schönheit." „Vielleicht liegt es nicht blos in der Bildungsfähig-