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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-10-30 · Heft 44 (30.10.1854) · p. Seite 551

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 44 (30.10.1854)
Date
1854-10-30
Page
Seite 551 (sequence 3)
Language
German
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551 die Leute bleiben dabei am Leben." — „Wie oft denke ich jetzt an die Geschichte Nebucadnezars, der sich selbst für den lieben Gott hielt, aber von der Höhe seines Dünkels erbärmlich herabstürzte, wie ein Thier am Boden kroch und Gras aß. In dem prachtvoll grandiosen Buch Daniel steht diese Legende, die ich Rüge und Marr, ja auch den Herren Feuerbach, Daumcr, Bruno Bauer, Hengstcnberg und wie sie sonst heißen mögen, diese gottlosen Selbstgötter, zur erbaulichsten Beherzigung empfehle"*).— Dies bringt Heine auf die Bibel zu sprechen. Er sagt da: „Die Wiedererweckung meines religiösen Gefühls verdanke ich diesem heiligen Buche, und dasselbe ward für mich eben so sehr eine Quelle des Heils als ein Gegenstand der frömmigsten Bewunderung." Später sagt er: „Ich hatte ZNv'ses früher nicht sonderlich geliebt, wahrscheinlich weil der hellenische Geist in mir vorwaltend war, und ich dem Gesetzgeber der Juden seinen Haß gegen alle Bildlichkeit, gegen die Plastik nicht verzeihtc. Ich sah nicht, daß Moses, trotz seiner Befeindung der Kunst, dennoch selber ein großer Künstler war und den wahren Künftlergeist besaß. Nur war dieser Künstlergeist bei ihm, wie bei seinen ägyptischen Landsleuten, nur auf das Colossale und Unverwüstliche gerichtet.. Aber nicht, wie die Aegypter, formirte er seine Kunstwerke aus Backstein und Granit, sondern er baute Menschenpyramiden, er meißelte Menschenobelisken, er nahm einen armen Hirtenftamm und schuf daraus ein Volk, das ebenfalls den Jahrhunderten trotzen sollte, ein großes, ewiges, heiliges Volk, ein Volk Gottes, das allen anderen Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte: tr schuf Israel! Mit größerm Rechte als der römische Dichter darf jener Künstler, der Sohn Amrams und der Jochebet, sich rühmen, ein Monument errichtet zu haben, das alle Bildungen aus Erz überdauern wird! " „Wie über den Werkmeister, Hab' ich auch über das Werk, die Juden, nie mit hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen, und zwar gewiß wieder meines hellenischen Naturells * 2) wegen, dem der judaische Asketismus zuwider war.- Meine Vorliebe für Hellas hat seitdem abgenommen. Ich sehe jetzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immerMänuer, gewaltige, unbeugsameMänner, nicht blos *) Den jünsten Selbstgott, den von der Voss. Ztg. so fleißig empfohlenen Selbstgott „Arthur Schopenhauer" kennt wohl Heine noch nicht. Redact. 2) „Naturells?" nicht vielmehr des hellenischen anerzogenen, angebildeten Geistes wegen? Red. ehemals, sondern bis aus den heutigen Tag, trotz achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung und des Elends. Ich habe sie seitdem besser würdigen gelernt, und wenn nicht jeder Geburtsstolz bei den Kämpen der Revolution und ihrer demokratischen Principien ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte der Schreiber dieser Blätter stolz darauf sein, daß seine /Ahnen dem edlen Hause Israel angehörten, daß er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben, und-auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben" *). „Die Geschichte des Mittelalters und selbst der modernen Zeit hat. selten in ihre Tagesberichte die Namen solcher Ritter des heiligen Geistes eingezeichnet, denn sie fochten gewöhnlich mit verschlossenem Visir. Eben sowenig die Thaten der Juden, wie ihr eigentliches Wesen, sind der Welt bekannt. Man glaubt sie zu kennen, weil man ihre, Bärte gesehen, aber mehr kam nie von ihnen zum Vorschein, und wie im Mittelalter, sind sie auch noch in der modernen Zeit ein wandelndes Geheimniß." — Heine weist nun die Frage, ob er dem evangelischen oder katholischen Glaubensdogma angehöre, weit von sich, und sagt, daß er evangelisch bleibe, weil er sich da eben so wenig „jetzt genirt fühle, wie es früher ihn genirte.^ ,Er findet das Verdienst des Protestantismus in Folgendem : „Jetzt, in meinen spätern und reifem Tagen, wo das religiöse Gefühl wieder überwältigend in mir aufwogt, und der gescheiterte Metaphysiker sich an die Bibel festklammert: jetzt würdige ich den Protestantismus ganz absonderlich ob der Verdienste, die er sich durch die Auffindung und Verbreitung des heiligen Buches erworben. Ich sage die Auffindung, denn die Juden, die dasselbe aus dem großen Brande , des zweiten Tempels gerettet, und es im Erile gleichsam wie ein portatives Vaterland mit sich herumschleppten, das ganze Mittelalter hindurch, sie hielten diesen Schatz sorgfältig verborgen2) in ihrem ■■*) Wenn er auf diese Ahnen stolz ist, was will er aufseine Eltern sein, welche diesen Märtyrern abgesagt haben? Mögen dies viele jüdische Eltern sich zu Herzen nehmen, daß ihre Kinder einst ganz anders urtheilen können als sie, und fragen : „wie konntet Ihr über mein Höchstes disponiren, als wären wir nur geistiges Sclavengut? Nein! Ihr habt auf nichts Anspruch als — auf Euch selbst!" Redact. 2) „Verborgen" ist nicht das rechte Wort, sondern „aufbewahrt, gehütet." Redact. 44*

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