Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1854)
- Date
- 1854-10-30
- Page
- Seite 550 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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550 die deutsche Philosophie sei ein gewisser mystischer Nebel, worin sich die Gottheit wie in einer heiligen Wolkenburg verborgen halte, und die deutschen Philosophen ffeien ekstatische "Seher, die nur Gottesfurcht und Frömmigkeit athmeten. Es ist nicht meine Schuld, daß dies nie*) der Fall gewesen, daß die deutsche Philosophie just das Gegentheil ist von dem, was wir bisher Frömmigkeit und Gottesfurcht nannten, und daß unsere modernsten Philosophen den vollständigsten Atheismus als das letzte Wort unserer deutschen Philosophie proclamirten. Sie rissen schonungslos und mit bacchantischer Lebenslust 2) den blauen Vorhang vom deutschen Himmel, und riefen: sehet, alle Gottheiten sind entflohen, und dort oben sitzt nur noch eine alte Jungfer mit bleiernen Händen und traurigem Herzen: die Nothwendigkeit." „Ach! was damals so befremdlich klang, wird jetzt jenseits des Rheins (in Deutschland) auf allen Dächern gepredigt, und der fanatische Eifer mancher dieser Prädikanten ist entsetzlich! Wir haben jetzt fanatische Mönche des Atheismus, Großinquisitoren des Unglaubens, die den Herrn von Voltaire verbrennen lassen würden, weil er doch im Herzen ein verstockter Deist gewesen. So lange solche Doctrinen noch Geheimgut einer Aristokratie von Geistreichen blieben und in einer vornehmen Coterie- Sprache besprochen wurden, welche den Bedienten, die aüfwartend hinter uns standen, während wir bei unfern philosophischen Petits-Soupers blasphemirten, unverständlich war — so lange gehörte auch ich zu den leichtsinnigen Esprits-Forts, wovon die meisten jenen liberalen Grands- SeigNeurs glichen, die kurz vor der Revolution mit den neuen Umsturz-Ideen die Langeweile ihres müßigen Hoflebens zu verscheuchen suchten. Als ich aber merkte, daß der rohe Plebs, der Jan Hagel, ebenfalls dieselben Themata zu discutiren begann in seinen schmutzigen Symposien, wo statt der Wachskerzen und Girandolen nur Talglichter und Thranlampen leuchteten, als ich sah, daß Schmierlappen von Schuster- und Schneidergesellen in ihrer plumpen Herbergsprache die Eristenz Gottes zu leugnen sich unterfingen — als der Atheismus aufing, sehr stark nach Käse, Branntwein und Tabak zu stinken: da gingen mir *) Dies ist viel zu weit gegriffen! Redact. 2) Auch das ist übertrieben, denn gerade den meisten deutschen Philosophen ist nicht die „bacchantische Lebenslust," sondern.— die eitelste Selbstüb erschätzung das Motiv gewesen; der Ehrgeiz, der bei anderen Völkern im politischen Leben Befriedigung fand, warf sich in Deutschland auf die Philosophie, und wirkte da verzehrend. Red. plötzlich die Augen auf, und was ich nicht durch meinen Verstand begriffen hatte, das begriff Ich jetzt durch den Geruchssinn, durch das Mißbehagen des Ekels /?und mit meinem Atheismus hatte es, gottlob! ein Ende^":—/ Heine fährt fort, indem er seinen Abscheu vor dem Atheismus aus dessen geheimer Verbindung mit dem Communismus herleitet, den er verabscheut, so wie er überhaupt sich gewaltig gegen jede Berührung mit dem „souverainen Volk" sträubt. Er erzählt hierauf sein Zusammentreffen mit Weitling, und meint, daß er, Heine, dies Alles in seinem Buche de l’AIlemagne leicht Voraussagen gekonnt, da er das „Ausbrüten dieser Vögel" gesehen, als „Hegel als Bruthenne auf den fatalen Eiern fajjj" er habe ein Mal versucht, die dialektischen Formeln Hegels abzustreifen und Hegels Lehre verständlich zu machen, woran er zwei Jahre gearbeitet, und da sei ihm der nackte Atheismus so entgegengetreten, daß er später das Manuscript voll Ekels in's Feuer geworfen. Durch die Hegel'sche Philosophie sei er zur „Selbstvergötterung" gekommen, diese aber habe „viel Geld und viel Gesundheit" erfordert, und als ihm im Februar 1848 beides plötzlich ausgegangen, da sei er von der Nichtigkeit seines Gottseins überzeugt worden. „Gleich vielen anderen heruntergekommenen Göttern jener Umsturzpartei mußte auch ich kümmerlich abdanken und in den menschlichen Privatstand wieder zurücktreten. Das war auch das Gescheideste, das ich thun konnte. Ich kehrte zurück in die niedere Hürde der Gottesgeschöpfe, und ich huldigte wieder der Allmacht eines höchsten Wesens, das den Geschicken dieser Welt vorsteht." Seine Krankheit vermehrte in ihm immer mehr das Gefühl seiner Abhängigkeit. Er wünscht jetzt Alles, was er über die Gottessrage hat drucken lassen, ungedruckt. „Eben so unbesonnen wie falsch ist," sagt er, „die Behauptung, die ich der Schule nachsprach, daß der Deismus in der Theorie zu Grunde gerichtet sei und sich nur noch in der Erscheinungswelt kümmerlich hinfriste. Nein, es ist nicht wahr, daß die Vernunftkritik, welche die Beweisthümer für das Dasein Gottes, wie wir dieselben seit Anselm von Canterbury kennen, zernichtet hat, auch dem Dasein Gottes selber ein Ende gemacht hat. Der Deismus lebt, lebt sein lebendigstes Leben, er ist nicht todt, und am allerwenigsten hat ihn die neueste deutsche Philosophie getödtet. Diese spinnwebige Berliner Dialektik kann keinen Hund aus dem Ofenloch locken, sie kann keine Katze tödten, wie viel weniger einen Gott. Ich habe es am eignen Leibe erprobt, wie wenig gefährlich ihr Umbringen ist; sie bringt immer um, und