Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1854)
- Date
- 1854-10-23
- Page
- Seite 542 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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542 gen zufolge, sowohl die Wählbarkeit als die Stimmberechtigung an die Gemeinschaft mit einer der christlichen Kirchen geknüpft ist, mithin die Juden in unserm Staate weder gewählt werden noch überhaupt an den ständischen Wahlen theilnehmen dürfen. Für eine Stadt wie Posen, worin mehr als der vierte Theil aller Einwohner Juden und worin mindestens zwei Drittel alles Vermögens in den Händen von Juden sind, liegt die hohe Bedeutung dieses Entscheids auf der Hand, und man darf sich daher nicht wundern, wenn die Juden darüber äußerst beunruhigt sind, da sie geglaubt haben, infolge der Verfassung mit den Christen überall gleichberechtigt zu sein. Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 13: Oktober. (Privatmitth.) Beim Beginn deS Schuljahres kommt eine eigenthümliche Erscheinung vor, daß nämlich ein großer Theil der Realschüler die Schule gänzlich verläßt, hingegen ein guter Theil der Gymnasialschüler zur Realschule übergeht. ES ist diese Erscheinung ganz einfach zu erklären. Nach dem Jahre 1848, wo dem Juden sich so manche Aussichten auf wissenschaftlichem Gebiete boten, strömte ein großer Theil der Wissenschaft zu. Jetzt, wo die Aussichten für dieses Fach sehr getrübt .sind, ist es kein Wunder, wenn die Leute sich zurückziehen. ES ist das Studium hier mit großen Kosten an Zeit und Geld verbunden. Ein junger Mensch muß acht Gymnasialjahre durchmachen, und dann bleibt ihm die Hoffnung , Medicinae Doctor zu werden, wenn er noch fünf Jahre studirt. Wendet er sich der Realschule zu, hat er sechs Jahre vor sich. Nach Verlauf dieser Zeit hat er wohl viel Wissen sich angeeignet, aber noch gar nicht für seine Eristenz gesorgt, und selbst die Fortsetzung der polytechnischen Studien, um Baumeister, Ingenieur u. s. w. zu werden, bietet nur eine problematische Aussicht. Daher wenden sich die jungen Leute lieber gleich dem commerciellen Fache zu, wo der Weg ist, auf dem sie das Heil finden können. — Es soll jetzt das neue Gemeindegesetz erscheinen, dabei sollen auch .die Verhältnisse der Juden geregelt werden. Wir hoffen das Beste; aber „etwas Gewisses weiß man nicht." — Wie Sie wissen, hat sich die Partei, die dem polnischen Ritus angehört, vor einiger Zeit in zwei Parteien getheili, in die polnische und in die deutsche. Erstere hat ein gemiethetes BethauS in der Leopoldstadt, letztere hat ein Haus in der Stadt gekauft und darin einen Betsaal hergerichtet. Wie ich nun höre, soll von Seiten der Statthallerei darauf gedrungen werden, daß diese Fraktionen sich einigen. Da aber die Deutschen schwer mit den Polen Zusammengehen werden, so werden sie sich der Muttergemeinde beim neuen Tempel anschließen. Es wird dies ein Gewinn für die Gemeinde wie für die Partei sein. — Noch erlaube ich mir, auf eine Erzählung, die besonders aus den in Prag erscheinenden „Sippurim" abgedruckt ist, „Gawriel" von S. K. (Kohn) hinzuweisen. Der Verfasser zeigt darin viel Geschick und Talent, und wenn auch manches in Betreff der Charakteristik und der Sprache (die hin und wieder den Oesterreicher verräth) zu rügen wäre, so glaube ich nichts desto weniger, daß der Verfasser befähigt ist, manches Tüchtige auf diesem Gebiete zu leisten. — Aus Ungarn, 6. Oktober. (Privatmitth.) Die öffentlichen Blätter brachten in letzterer Zeit tabellarische Zusammenstellungen über die zu dem patriotischen Staatsanlehen von den verschiedenen VolkSclassen geleisteten Beiträge, und wurde eS namentliche hervorgehoben, daß die katholische Geistlichkeit mehr als 15,000,000 hierzu gesteuert hat. Es würde gewiß eine die Opferwilligkeit des reichen katholischen KleruS drei oder vierfach übersteigende Summa sich als Facit Herausstellen, wenn ein Publicist sich die Mühe nehmen wollte, die blos von den österreichischen Juden gezeichneten Summen, tabellarisch zusammengestellt, der Oeffentlichkeit vorzuführen. Dies wäre allenfalls ein mathematischer Beweis mit Ziffern und Zahlen, wie sehr der Jude dem Staate, dem er angehört, mit Leib und Seele in Treue und Anhänglichkeit zugethan ist, wenn er auch von demselben so zu sagen nur als fünftes Rad betrachtet wird. — Wir würden dieses unerwähnt lassen, denn man könnte uns des Separatismus beschuldigen, und heißt es auch ein wenig ruhmredig, seine wenigen Tugenden und Verdienste mit Lapidarschrist auf dem Aushängeschilde der Oeffentlichkeit hinzuzeichnen. Aber es wurde in diesen Blättern bereits wiederholentlich darauf hingewiesen, wie die neuern Gesetzgebungen,