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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-10-09 · Heft 41 (9.10.1854) · p. Seite 522

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 41 (9.10.1854)
Date
1854-10-09
Page
Seite 522 (sequence 10)
Language
German
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522 — Wo sich zwei Freunde sahen, begrüßten siesich wie nach langer Reise und wunderten sich/ einander noch unter den Lebenden zu finden. — Auch im Jahre 1836 hatte der große: Schrecken aus Asien hier gewaltet; aber mild und schonend, so wird emstimmig versichert/ war damals seine Herrschaft. — Ja man hat berechnet, daß noch keine Stadt der Welt so von dieser Plage heimgesucht worden sei, als das unglückliche München. — Bis jetzt, da die Epidemie zwei Monate geherrscht, beträgt die Zahl der Todesfälle in der Stadt allein, ohne die Vorstädte des rechten Jsarnfers, bereits 3000. — Aber die Tyrannei dieser Krankheit hatte den übrigen Leiden, der Menschheit das Bürgerrccht nicht entzogen; ja, wunderbarer Weise war die Zahl der Gestorbenen, deren Lebensfaden, nicht die Cholera durchschnitten, ebenfalls von einer bedenklichen Größe. —7 So wie ein Sturmwind mit einem Male alles welke Laub fallen macht, so hat diese Seuche das lange Siechthum gar vieler Leidenden verkürzt. — Nun das Sterben in der Hauptstadt im Erlöschen ist, behauptet es noch in den -Vorstädtenwo es später begonnen/ seine furchtbare Macht unter der meist armen Bevölkerung. -7— Wer schildert die Leiden jener Unglücklichen , die ungeachtet alles Aufwandes von Wohlthätigkeit und Humanität, in ihren Hütten als wehrlose Opfer dem geflügelten Tode erliegen! — Ueberhaupt diente das Grauen des Verhängnisses dazudie edelsten Tugenden der menschlichen Seele in ihrer siegreichen, strahlenden Schöne zu enthüllen. Wer zählt alle Gaben , des. milden Sinnes, wer nennt alle Bemühungen edler Menschenfteun.deThränen zu trocknen und Leiden zu lindern-! Vor allem aber find die Bemühungen der Aetzte des ruhmvollsten Andenkens werth, denen der Tag zur Arbeit und die. Nacht zur Wache war, um mit - dem geheimnißvollen Feinde der Menschheit zu kämpfen. Ich verkehrte mit vielen dieser Edlen/ unter denen ich Freunde hatte, .und war Zeuge ihrer unausgesetzten Anstrengungen, in denen der junge ärztliche Nachwuchs der Hochschule mit den älteren Meistern der Heilkunst um den Preis rang. ~ Ja. selbst aus weiter Ferne waren junge Medictner herbeigekommen, um auf dem traurigen Schauplatzeihre Erfahrungen zu bereichern- und ihre Thätigkeit zu entfalten/ Aber auch an Zügen des GegentheilS fehlte es.nicht;, in denen die menschliche Natur durch den Trieb der Selbsterhaltung und durch die Furcht, bis zur Verthierung sich, verhärtet und verschlossen zeigte. —Doch mehr aus der-Ferne, , wo man sich gegen alles, was von München kam,-verschloß, ja den Reisenden oft »ine Unterkunft versagte, wurden solche-Züge lautals in München selbst. Einer der auffallendsten mochte folgender sein, für dessen Wahrheit ich -mich verbürge. In einem mir befreundeten Haufe fühlte sich das'jüdische Dienstmädchendurch Krankheilsfurcht und vielleicht durch ein leichtes Unwohlsein veranlaßt, nach Hause zu reisen, um der elterlichen Pflege theilhast zu werden. In später Nachtstunde war sie mit dem Bahnzuge in einem Landstädtchen angekommen, wo ste eine Großmutter wohnen hatte, die. sie einstweilen um das . Gastrecht ansprach. Aber die Alte , wollte ihre Enkelin nicht in'S Haus lassen, weil sie von München komme; und .als sie ihr dennoch auf vieles Bitten ein Nachtlager gewährte, so zwang sie sie doch, andern Morgens um fünf Uhr mit der Eisenbahn das Weite zu-suchen*). — In andern baierischen Städten, wohin sich die Epidemie von hier aus verbreitet hat, ist sie Gott Lob! mit milderem Charakter aufgetreten; in dem nachbarlichen Augsburg wüthet sie aber jetzt noch, wo möglich, noch verderblicher, als in München selbst. Hier wie dort sind bedeutende Persönlichkeiten, große Namen aus der Geschichte der Literatur und Künste, ihrem schwarzen Buche verfallen. Der Schriftsteller Widenmann/ Redakteur des Auslands,, der berühmte Mebold, Mitredacteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung, der greife Christoph von Schmid, jener liebliche Verfasser von Jugendschriften, der Bildhauer Xaver Schwanthaler, der Erbe des Namens und des Ruhmes seines großen OheimS, des. unsterblichen Bildnersder Bavaria, sind nicht mehr/ — Zwei meiner Freunde, der-Dichter Goßmann,. Sänger der-Wittelsbacher, und der liebliche Dichter Pangkofer, - find unter, den Opfern.. —^ Letzteren hatte ich noch Mittwoch den 13/ . September in / blühender Gesundheit und schaffender Thätigkeit angetroffen; er sprach von neuen Unternehmungen, von einer neuen Auflage seiner Gedichte/ — Freitag Morgens war er eine Leiche/ hingerafft in seinem 51. Jahre. — Auch Israel trauert , um. viele Opfer.; in -unserer mäßig. großen Gemeinde bestattete man binnensechs- Wochen über 3V Leichen zur Erde; darunter den /greisen Eduard Man, dänischen.Comme^ienrath, Hofjuwelier, - Inhaber der k. Civilverdienstmedaille mrd langjährigen B orsteher der Gemeindeein en Mann,- eben so. ausgezeichnet durch Bürgertugend wie durch-gemeinnützig philanthropisches Wirken.- — ' . - - Wer erwähnt bei so erhabenen Verlusten den mate- ' '*) In dem baierischen Markte Reichenhall wurde öffentlich auSgeruftp, daß kein Bejööhner Traunsteins, wo die Cholera wüthet, den Jahrttrarkt besuchen dürfe. In andern SMlensind Messen und Jahrmärkte gänzlich unterblieben/:

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