Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1854)
- Date
- 1854-10-09
- Page
- Seite 521 (sequence 9)
- Language
- German
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521 welche nunmehr alle Welt zu ihrer Unterhaltung in Athem setzten. — Wen Beruf und Geschäft nicht bannte, der beeilte sich/ liebe Freunde zu begrüßen, welche mit der großen Fluth der Fremden gekommen waren; da galt es, alte Studien geführten aufzusuchen und die Erinnerung vergangener schöner Tage zu erneuern. — Dabei feierte das clasfifche Schauspiel und die mimische Kunst ihre Triumphe in den Mustervorstellungen der besten deutschen Bühnenkünstler; die Kunst des Pinsels und der Palette eröffnete ihre große Ausstellung in den prächtigen Hallen, welche die königliche Gastfreiheit ihres Beschützers ihr zugewiesen; während die Werke der Plastik in dem riesigen Jndustriepalastediesem Sohne der thatenstolzen Zeit, ihren Platz mit Tüchern, Maschinen und Spieluhren theilten. Den Rest schwüler Sommerabende erschöpften rauschende Gartenfeste; und nur die Nacht ließ den ermüdeten Geist zu Athem und zu sich selbst kommen. Welche Beharrlichkeit gehörte dazu, dem Berufe und der Arbeit nicht entzogen zu werden; — wie schwer fiel eS endlich, diesem bunten Leben Lebewohl zu sagen und an die schreckliche Nähe deS Unheimlichen Gastes zu glauben. — Als endlich dieser Glaube sich in den ersten Tagen deS Augusts nicht mehr.zurückweisen ließ, als die Kunde zuerst dumpf und geheimnißvoll, ja durch unkluge Maßregeln zurückgedrängt, und ..endlich mit siegender Gewißheit sich gellend machte:, die Cholera ist in Münchens — wie schnell veränderte sich da die Gestalt der schönen Hauptstadt. — Das. war ein Drängen zu den Paßbüreaus, §u den abgehenden Bahnzügen; nur wenige Tage reichten hin, die Stadt zu veröden, zu entvölkern, wie nicht die Nähe eines Feindes, wie nicht die Einschließung durch kriegerische Schaaren es vermocht hätte. Dieser Auswanderung folgte bald die wilde Flucht vieler Einwohner, die in der ländlichen.Natur des baierischen Hochlandes, der Seen und der Umgebung, eine Zuflucht suchten vor dem Berhängniß; aber auch den Keim der Seuche in jenen friedlichen Sitzen einbürgerten, wo sie jetzt nachträglichen Tribut fordert. — Die Zahl der Opfer stieg von Tag zu Tag, mit ihr die Verödung der Stadt. — An die Stelle der Feste und Schaugepränge trat Grabesstille; wo man auf der Straße zwei Menschen im Gespräch fand, wo man ein Hauseinen Freundeszirkel betrat, überall wurden die täglich neuen und vergrößerten Schrecken geschildert, überall von neuen Opfern berichtet, die der schnelle Tod abgerufen unerwartet und unvorhergesehen aus der Mitte ihrer Lieben gerissen. — Wer war so glücklich, in diesen Tagen der Trauer - nicht an einem theuern Grabe zu weinen, oder verwaiste Freunde trösten zu muffen! — Und blieb ihm auch das Verhängniß fern, wer hätte nicht im Anschauen der allgemeinen Vedrängniß das starke. Mannesherz schmelzen fühlen! — Beruf, künstlerische und wissenschaftliche Thätigkeit erlahmte und machte der düstern Sorge Platz; — Niemand fand die objective Ruhe, die beschauliche Stimmung, einer edlen Wirksamkeit getreu zu bleiben. — Selbst wer Gottvertrauen und Stärke genug in sich fand, der schweren Zeit in's Auge zu schauen und fortzuleben, fühlte sich von schwüler Befangenheit wie von einer Riesenschlange umgarnt: — Und glücklich diejenigen, die sich nur so weit erhöben und gekräftigt; denn die Seuche holte sich unter den Furchtsamen und Zagenden keinen geringern Tribut, als unter den Opfern tödtlichen Genusses und mangelnder Diät. Bildete doch unter den Ständregistern der Aerzte die Cholerafurcht (horror cholerae) eine stehende Rubrik der Krankheitsursachen; während andererseits durch die Ungunst der Zeiten gar vieles, was sonst zur Ernährung der Menschen dient und darunter die reichsten Gaben des Herbstes, die Zahl der Gifte vermehrten. — Man lebte in diesen Tagen planlos, ja wie durch einen Anstoß,, von Tag zu Tag; in fieberhafter Aufregung erwartete man Abends die Berichte der Localblätter über den Stand der Epidemie, die lange siegreich sich behauptete gegen die edelsten Bemühungen der Aerzte und gegen die wirksamsten Anstalten. — Bald waren Leichenwagen und Trauerzüge die einzige Belebung der Straßen; Särge, die einzig verkäuflichen Maaren. — Der Tag reichte nicht mehr hin zur Bestattung der Leichen; in dunkler Abendstunde durchwallten noch Trauerzüge mit Lichtern die. öden Straßen; und die Leichenwagen beeilten sich,, den dritten und oft den vierten Sarg in ihren unheimlichen Schooß einzutassen, während die angestrengten Geistlichen unermüdet ihrer traurigen Pflicht zueilten. .Die weiten Plätze der Hauptstadt zeigten nur mehr einiges-Leben, wenn das Volk sich zum Leichenzuge einer bedeutenden Persönlichkeit drängteum dann! der vorigen Stille. Platz zu machen; —Und selbst diejenigen, die auf den Straßen wandelten--unter ihnen so viele in Trauer gekleidete.Menschen, .besonders trauernde Frauen, gewährten in Blick, und Miene das düsterste Bild der Verstörung. Den. Culminationspunkt aber hatte die Sterblichkeit am 23: August erreicht; an diesem Tage hielt der Tod eine Ernte von über 100. Opfern und 280 neue Fälle wurden verzeichnet. >- Kaum wagte man mehr das HauS zu verlassen; denn das. erste Wort, das man vernahm, konnte eine Trauerpost.sein; kaum getraute man. sich, nach einem leidenden Freunde zu forschen: 41