Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1854)
- Date
- 1854-10-02
- Page
- Seite 510 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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510 Judenthum hingegen, in seiner geschichtlichen Ent-/ Wickelung, in feiltet: gegenwärtigen Erscheinung, verkörpert im Schulcha Aruch, kann, weil es ein Product der Zeit, eine zeitgemäßere Gestaltung annehmen. — Welche Phasen hat nicht dieser Codex durchgemacht von der Mischnah des Rabbi Jehuda Hanaßi bis zur Redaction der beiden Talmude,. von da bis zum Hala-. choth-Gedoloth und Mischnah Thora des Maimuni und endlich bis zu Moses Jfferls und Abraham Abeles u. s. w.? Wie viele Hunderte Verbote und Gebräuche, findet man bei der Letzterer«, von denen R. Jehuda Hanaßi und dem ganzen Tanalm-Geschlecht nichts geträumt hat? Und waltet nicht noch gegenwärtig diese Verschiedenheit ob zwischen den Juden im Morgenlande, die den Codex Maimuyi acceptirt haben, und den Sephardim, die den des R. Joseph Karo benutzen? Sind es nicht die deutschen und polnischen' Juden allein, denen der R e m o und Magen Abraham als Autorität gelten? Wie viel Zank und Hader würde erspart werden, wenn die deutschen Juden gleich ihren Brüdern im Orient (siehe Vorrede zu Kesses Mischn eh) mit gehöriger Auswahl und Kritik denMaimunischcn Codex, Mi schn eh Thora als Norm annehmcn möchten! Wie haben sich nach und nach die tausend und aber tausend Satzungen und Dinim seit dem Abschluß des Talmuds noch vermehrt, die an sich nicht wichtig und nicht verpflichtend sind (siehe Maimuni's Vorrede zu Mischneh Thora) — und nun wollen Sie, Herr Hirsch, Angesichts der ganzen Geschichte der Halacha, eine zeitgemäße Reform läugnen, ja sogar als Ketzerei stempeln? Wie werden die Zionswächter wuthschnaubend Sturm laufen und jede noch so unschuldige Neuerung verdächtigen, und bekämpfen. Wehe dem Rabbiner, der ein Bame Madlikim abgeschafft, oder sich anderer Eingriffe von gleicher Wichtigkeit im Cultus erlaubt hat, wird er sich den Namen Koser und dergleichen von den Altorthodoxen, so sich einige in seiner Gemeinde finden, nicht gefallen kaffen müssen! Ich mag hier nicht all die bis zum Ueberdruß wiederholten Gründe von der Nothwendigkeit einer zeitgemäßen, historisch begründeten Reform in Haus und Synagoge aufzählen, da dies über allen Zweifel erhaben und von allen Seiten zugestanden wird. — Meine Absicht ist nicht, gegen Sie zu polemisiren, sondern das Princip der Stabilität, das Sie bis auf die Spitze getrieben, gegen die falschen Consequenzen auf die Cultus- und Reformfragcn der Gegenwart, die Sie als Ketzereien verschrien, um des religiösen Friedens der Gemeinden willen und zur Beruhigung der aufgeregten Gemüther, die dadurch noch mehr allarmirt werden, zu retten., — In Anbetracht dieses heiligen Zweckes, den leidigen Zwiespalt in den Gemeinden nicht noch mehr zu vergrößern, hoffe ich auf Ihre gütige Nachsicht, Herr Hirsch! rechnen zu dürfen, dq es mir bei der Hochachtung, die ich gegen Sie hege, nicht gleichgültig fein kann, wenn Ihre freundschaftliche Gesinnung, gegen mich,,durch diese offene Entgegnung, wie Sie sie von einem mährischen Rabbiner nicht erwartet, alterirt werden möchte. Amicus Plato, amicus Socrates, sed magisamica verilas. Sollte ich Ihre Ansicht von der Unmöglichkeit jeder Reform, wie sie aus dem Aufsatze: ,,Der Jude und seine Zeit," hervorleuchtet, gemißdeutet haben und Sie dadurch Veranlassung nehmen, das Mißverständniß zu berichtigen und aufzuklären, so würde ich mich gewiß reichlich belohnt fühlen und meinen Zweck erreicht haben. Sie wissen ja, wie ein. solches- Mißverständniß von streitsüchtigen Zeloten, und Finsterlingen,■ besonders wenn es von' einer solchen achtbaren Autorität ausgeht, ausgebeutet wird! *) *) Erkennt wielleicht Herr Hirsch, wie der Verein von Freunden der Wahrheit und des orthodoxen JudenthumS in Frankfurt (s. Nr. 20 d. Ztg.) es auch als göttliche Verpflichtung an, auch von den Anordnungen der Rabbinen nimmer zu weichen? Eine thöxichte Behauptung, die von einer falsch verstandenen und von allen rabbinischen Ko r h p h ä e n bestrittenen Ansicht - des Maimuni (Minjan Hamizwot), daß die vom Sanhedrin in Jerusalem ausgehenden Verordnungen, wie z. V! die Chanükäfeier, wegen lo tdossur; das Gepräge der Göttlichkeit an sich tragen, entstanden ist. Siehe Thorath Nebiim von Rabbiner Hirsch Chajes. — Ich habe zu viel Achtung vor der Gelehrsamkeit des Herrn Hirsch, als daß ich ihm eine solche irrige Meinung an-- dichten sollte. — Der Verein hat sich selbst gerichtet, indem ihm die Authenticitat der Thora mit der von Koheleth in gleicher Parallele steht. Alle unsere Dogmatiker kennen aber nur die Authentie der Thora allein als Dogma, über Nebiim und Kethubim sprechen sie sich nirgends aus! — Es liegt hierin ein merkwürdiger Unterschied zwischen Judenthum und Christenthum! Letzterem ist die Authentie der Nebiim und Kethuhinr besonders wichtig, da die ganze Christologie über den- Haufen fällt, wenn viele Eapitel im Jesaias zür Zeit Esra's und Haggai's verfaßt wurden, während der Jude die traditionelle Ueherliefernng der. Authenticitat der Nebiim und Kethubim größtentheils gelten läßt;: aber nicht dogmatisch dazu verpflichtet ist. Verlieren Job und viele Capitel in den Psalmen und Jesaias an Werth, wenn wir annehmen, daß sie zur Zeit der'letzten Prophefen!»nd her Exulanten entstanden sind?? Hier ist'es gewiß wahr: Lol damossit gorea! /