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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-10-02 · Heft 40 (2.10.1854) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 40 (2.10.1854)
Date
1854-10-02
Page
Seite 509 (sequence 9)
Language
German
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509 an, ein lebendiger Protest war gegen den allgemein herrschenden Un- und Irrglauben aller Zeiten und Geschlechter,, daß er seinen inquisitorischen Quälern und Drängern^ einem Gallilei gleich, sein Schema Jißroel rc. stets mit . Trotz zurief.' Welcher gläubige Israelit wird es Ihnen nicht zugeben, daß die göttliche Lehre, wie sie im Pentateuch enthalten, nebst den ursprünglichen, eigentlichen traditionellen Auslegungen, wie sie Maimuni in der Vorrede;um. Mischnah-Commentar unter Nummer 1 und 2 classificirt, keine Modification, keine zeitgemäße Reform (le lossif v'lo tegra) zulassen?" Aber wird er darum Anstand nehmen, zu behaupten, daß das Judenthum,. wie es sich jetzt im Cultus und Leben nach dem Schulchan A r u ch mit allen seinen Supercommentaren manifestirt, kann, soll, muß zeitgemäß gestaltet werden? Was hat also die sogenannte Cultus- und Reformfrage mit der dogmatischen von der Authentie des Pentateuch und dergleichen für Beziehung? Ist die Abschaffung mancher Piutim und chaldäischer Gebetstücke und deren Ersetzung durch deutsche, der Wiederholung der achtzehn Segenssprüche, die Einführung der Orgel und des dreijährigen CycluS der Thoravorlesungen, die Modification der Trauergebräuche rc. re., ja selbst die Abrogirung des zweiten Feiertages gegen die Lehre Mose's, gegen die Tradition der Mischnah?*) Sind die Mantuaner Israeliten, die sich in einer Gewissensfrage an die vorzüglichsten Rabbiner des Morgen- und Abendlandes gewendet, Läugner der Offenbarung und der Tradition, Häretiker und Schismatiker? Ist ja eben dies das Charakteristische im Judenthum, daß sein reiner, in der Vernunft begründeter, klarer Lehrinhalt, als ein ursprünglich gegebener und in sich abgeschlossener, keine dogmatischen Kämpfe, wie sie bei andern Eonfessionen noch immer Statt haben, aufkommen ließ, da es sich bet allen Controversen um das Thun und Lassen allein handelte, da bisher alle Differenz um äußere Satzungen und Synagogengebräuche war, die daS Innere, den Kern, das Dogma gar nicht berührten. Diesem allein hat es das Judenthum, trotz feiner Zerstreuung über den ganzen Erdboden, zu danken, daß eS eine merkwürdige Einheit, unbeschadet der mannigfachen gottesdienstlichen Formen und Riten in den verschiedenen Landern und Himmelsstrichen, sich dennoch zu erhallen wußte. Der gewiß streng orthodore oriental i sch e Jude würde, wenn er nicht mit einer vorge- *) Ich erwähne diese Beispiele, weil dagegen in dem Probehefte polemifirt wird. faßten Meinung käme und es ihm daher nicht um einen Protest zu thun wäre, ohne Gewissensscrupel in einer sogenannten Chorschule, selbst mit Orgel und vielen deutschen Gebeten und ähnlichen Neuerungen seine Andacht verrichten/ seiner religiösen Pflicht genügen und all. diese Reformen als Minhag A s k e n a sch gutmüthig ansehen. Herr Hirsch hat demnach den Standpunkt, aller dieser seit Jahren geführten Streitfragen verrückt und damit ein wahres Schisma dem Judenthum aufgedrungen, mit einem Worte demselben eine tiefe, unheilbare Wunde geschlagen*). Ja, heißt, das nicht die Brandfackel in die Gemeinde Gottes werfen, Oel in die hell auflodernde Flamme der Zwietracht gießen? Zu welcher Farce würde das Judenthum zusammenschrumpfen, wenn man jede Debatte mit den Worten abschneiden würde: „Täuschen wir uns nicht! die ganze Frage ist nur einfach die: Ist das: „„Und Gott sprach zu Mosche wie folgt"" eine Wahrheit u. f. w. u. s. w." Haben die Anhänger der Hillel'schen und Schamai'schen Schule, obwohl der Kampf in den Lehrhäusern blutig geführt wurde, sich verketzert, sich Unglauben vorgeworfen; fuchste nicht vielmehr jeden Zwiespalt, jede Sectirerei im Leben so viel wie möglich zu vermeiden? Siehe Jebamoth 13, 2. Wohin würden wir gerathen, wenn alle Versuche zur Hebung und Verbesserung des CultuS und dergleichen mit der hohlen Phrase abgewiesen werden möchten: „kann das Judenthum je zeitgemäß werden?" Würde es nicht bald auf immer mit dem Frieden der Gemeinden aus sein, wo man kaum eine Zehnzahl (Mingan) Gleichgesinnter in eine Synagoge zusammenbringen könnte! Ich stehe auf demselben orthodoxen Standpunkt, wie Sie, Herr Hirsch, mir ist ebenfalls das achte und neunte Wort in unserem Bekenntnisse, schlicht und einfach, ohne künstliche Deutelei, eine unumstößliche Wahrheit und ich unterschreibe alle Ihre in dem besprochenen Artikel aufgestellten Behauptungen; aber dennoch, ohne ihre falschen Consequenzen gelten zu lassen, gebe ich eine zeitgemäße Modistcation im gottesdienstlichen und religiösen Leben des Judenthums zu, das so viel Fremdartiges und Mittelalterliches ausgenommen. — DaS Judenthum, b. h. sein Lehrinhalt und seine heiligen Satzungen, ist als ewige göttliche Wahrheit über allen Wechsel der Zeiten erhaben und es kann dabei von zeit- und nicht zeitgemäß gar nicht die Rede sein. Das *) Nun, das möchte ihm wohl nicht gelingen — das Leben geht schnell über dergleichen Versuche hinweg! Red. 40

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