Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1854)
- Date
- 1854-09-25
- Page
- Seite 495 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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”495 lich kommen in der Folge auch noch die Functionen eines Zwickers und Mikwahinspectors hinzu! — WaS Wunder, wenn unter solchen Auspicien der mit Anlagen ausgerüstete Jüngling seine Kräfte einem besser Lohnenden Fache zuwendet? — Wegen der'bei uns herrschenden epidemischen Brechrühr sind in manchen Distrikten von den Herren Radbinen öffentliche Gebete in den Synagogen um Abwendung dieser Krankheit angeordnet worden. Der verstorbene Hofbanquier I. v. Hirsch in Münchender schon bei seinem Leben Beweise der Wohlthatigkeit gab, hat auch in seinem Testament fernere Legate hinterlegt und zwar: 1) 80 Fl. für Aufmunterung der Israeliten zum Betrieb der Landwirthschaft; 2) 80 Fl. für Lehrer armer israelitischer Gemeinden; 3) 80 Fl. für Gottes- und Schulhäuser der Israeliten und 4) 80 Fl. für RabbinatScandidatrn zur jährlichen Verkeilung. Die Administration der Verlaffenschast fordert in öffentlichen Blattern solche Bewerber, die ihre Würdigkeit legal Nachweisen können, zur Anmeldung auf. Die israelitische Gemeinde in München verlor in den letzten Tagen einen ihrer Nestoren durch den Tod. ES ist dies der ehemalige Hosiuwelier und dänische Commercienrath Herr Eduard Marx, ein allgemein geachteter Greis, der sich bis in die letzte Zeit einer in seinem hohen Alter von 87 Jahren seltenen Rüstigkeit erfreute. Der Verblichene war auch Inhaber der goldenen Medaille des Verdienstordens der baierischen Krone. 8. 6. Meiningen , 7. September. (Pr. Z.) Heute fand in unserm Gemeinderath eine lebhafte Debatte statt. ES wurde über die Frage verhandelt, ob einigen jüdischen Kaufleuten fernerhin, was bis jetzt mit wenig Ausnahmen streng untersagt war, gestattet sein sollte, in unserer Stadt zu wohnen. Die Frage wurde mit 9 gegen 6 Stimmen verneint. Preußen. Berlin, 12. September. (Privatmitth.) Der Vorgestrige Tag, Sonntag der 10. September, wird in den Annalen des Berliner Judenthums als ein hervorragend Denkwürdiger ausgezeichnet bleiben. Die Reformgettoffenschaft hat nach neunjährigem Bestehen und Kampf ihren Tempel auf festen und breiten Grundlagen aufgBüu-t und in feierlicher Wechtz den jüdischen Betern geöffnet. Es ist das Werk nach neunjährigem Kampfe ein eigentliches „nonum prematur in arinum,“ wie Horaz von einem gereisten, vollendeten Buche es verlangt, ein Prachttempel durch erhabene Einfachheit, Würde und Heiligthum. Die Feiergebete, Predigt und Musik machten auf das gedrängt volle Gotteshaus tiefen Eindruck, und wäre es der Genossenschaft um Propaganda zu thun, sie würde durch das Ereigmß ihre Gemeinde um Hunderte von Mitgliedern vermehren können, vollends in einem Augenblicke, wo die Neuorthodorie die allgemeine Verachtung auf sich zieht. Der Prediger Rabbiner Holdheim sprach mit sichtbarer Bewegung über die Bedeutung des TageS, wobei er mit gewohnter Genialität Lehren des durch die Reform verklärten JudenthumS popularisirte, und wahrhaft zaubervoll war es, als in einem Augenblick der Begeisterung des Redners das von oben einfallende Licht durch einen Sonnenstrahl verstärkt wurde und die über der Kanzel prangenden Gesetzestafeln mit einem glänzenden Nimbus umgab. Unter den anwesenden Ntchtjuden waren mehrere hohe Beamte und viele Anhänger der Neuorthodorie, ja sogar ein Stück des tobten, aber noch nicht aus dem Sterbehause gebrachten Gemeindevorstandes. Der schöne Tempel, dessen Fronte die einfache und doch allessagende Inschrift: mp trägt, hat über tausend Platze, und er wird in kurzer Zeit der erste Tempel des jüdischen Berlin sein, d. h. die große Haupt-Synagoge, während die ehrliche.alte Orthodorie in ihrer Entsagung sich einrichten, die Neuorthvdorie aber zersprengt, theils zur herrschenden Religion übergegangen und theils sonderbündlerisch in engem Grenzen Hausen wird. Der von dem gemalen Professor Stier erbaute Tempel hat an 40,000 Thaler gekostet, und die Herbeischaffung dieser Summe hatte keine Schwierigkeit, da ja gerade die ersten Männer des Fabrikstandes und des Großhandels die Genossenschaft bilden. Das Judenthum hat nun in Berlin den heiligen Ort seiner fortschreitenden Entwickelung im Geiste seiner Geschichte und derZeit gefunden, und bei besonnener Wallung wird bald, die ganze Berliner jüdische Gemeinde zur Bekennerin der Reform werden*). *) Wir lassen den geschätzten Correspondenten seine persönliche Meinung aus sprechen, ohne sie unsererseits zu verbürgen oder zu vertreten. . Redact.