Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1854)
- Date
- 1854-09-25
- Page
- Seite 493 (sequence 5)
- Language
- German
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493 bar, da .die Juden einen so fruchtbaren, damals noch unentbehrlichen Einfluß auf die Kultur der Wissenschaften übten--'und viele Rabbi öffentliche Lehrer waren '), abgesehen davon, daß der Sieg des Fanatismus, die Alleinherrschaft des Zelotismus stets den völligen Verfall der Wissenschaft, die Verdumpfung des Volksgeistes zur unausweichbaren Folge hat. War aber also die Vertreibung der Juden aus Spanien eine ungeheure Ungerechtigkeitda die Juden damals mehr als anderthalb Jahrtausende in Spanien ansässig waren, und dem Lande zu aller Zeit große Dienste geleistet hatten, war sie ferner ein außerordentliches Unrecht, da die Juden sie durch Nichts verdient hatten, war sie eine Gewaltthat, da sie, mit empörender Grausamkeit ausgeführt, vielen Tausenden zu Land und See den Tod! bereitete, noch Mehreren unsägliches Elend, war sie endlich eine Unk lug heit, für Staat und Volk von den traurigsten Schäden — so ist es im Gegentheil rührend, wie die spanischen Juden, so grausam über die halbe Erde zerstreut, überall, in Jerusalem und Conftantinopel, in Amsterdam und London, in New- Nork und Paramaibo, ja selbst in New-Sydney, der spanischen Nationalität bis heute treu blieben, oder doch Spuren derselben bewahrten. Noch-ist im Orient ihre Volkssprache das Spanische — wenn auch in verdorbener Mundart — noch sind, auch im Occident, alle Theile ihres Kultus, welche nicht hebräisch sind, spaniolisch, noch tragen ihre Gebetbücher auf der Kehrseite die spanische Uebersetzung, noch erinnern ihre Vor- und Familiennamen an die edelsten Namen Spaniens. Aber mehr noch: sie haben die spanische Literatur bis zur heutigen Zeit auch in den fernsten Ländern noch fortgesetzt, und der Geschichtsschreiber der spanischen Literatur hat ein sehr großes Kapitel mit den jüdischen Autoren nach ihret Vertreibung auszüfüllen, man lese z. B. den'Kn8g^o Hl des vielgedachten Los Rios nach: „Die Juden vergäßen Spanien nie, bewahrten das Idiom, dachten und schrieben in dieser Sprache," sagt dieser Schriftstellers. Ihre Freuden und Klagen, ihre Forschungen und Vertheidigungen drückten sie prosaisch und metrisch in einem Spanisch aus, das dem altern Castilisch treu geblieben * * 3). Erlauchte Vertreter der spanischen Nation! Es giebt *) L. c. p. 190. 2) L. c. p. 477. 3) L. c. p. 479. 535 f. kein erhabeneres Schauspiel, als wenn, auch nach Jahrhunderten erst ein Volk ein früheres Unrecht wieder gut macht, und keine Seite der Weltgeschichte ist glänzender, als auf welche eine solche That verzeichnet worden. Auch Frankreich und England haben in finstern Jahrhunderten die Söhne Israels von Zeit zu Zeit aus ihren Grenzen verwiesen, aber nach kurzer Zeit öffneten sie ihnen willig ihre Thore wieder. Spanien war fast die letzte Nation, welche in fanatischer Laune die Verbannung nicht blos aussprach, sondern auf's Strengste vollführte — und bis heute noch nicht widerrieft. Wohlan! Ihr spanischen Gesetzgeber, die Ihr von der' Nation in einem feierlichen Augenblicke gewählt seid, ihr ein neues Staatsgrundgesetz zu geben, an Euch ist es, diesen Hauptgrundsatz der neuern Gesellschaft, dieses wesentlichste Princip der Humanität: um des Glaubens willen Niemanden auszuschließen, um seiner Religion willen Niemanden zu verfolgen, das Land für Alle zu öffnen, welche den Gesetzen des Staates genügen wollen, und sie ihren Kultus frei üben zu lassen, auch für Spanien zu sanctioniren; an Euch ist es, insonders die Verbannungsdecrete vom 31. März 1492 aufzuheben, und dadurch eine alte, aber nicht verjährte Schuld zu sühnen. Wir kommen nicht, um den Grundbesitz wieder zu fordern, der unfern Vätern genommen worden, um Ersatz für die unschätzbaren Güter zu verlangen, die uns entrissen worden, nicht einmal um die alten Tempel wieder unser zu nennen, welche einst uns geheiligt waren, und die ihre Zinnen noch heute erheben — wir kommen nur, um die Schmach der Verbannung auszulöschen, um freien Eintritt denen unsers Glaubens zu erwirken, welche davon Gebrauch machen wollen — es kostet Euch nichts, als — ein Wort, aber ein theures Wort, denn es ist ein Wort der Liebe, der Humanität, der Gerechtigkeit, der Civilisation! Wir glauben jedoch nicht, daß die Aufhebung dieser Verbannungsdecrete allein aus Gefühlen zu motiviren sei — sie eröffnet dem Lande auch die Aussicht auf die wesentlichsten Vortheile. Spanien bedarf gerade der Industrie, des Handels, es muß herauskommen aus der Jsolirung, in welche es in industrieller und commercieller Beziehung gerathen ist, und Juden werden in diesem Betracht, wenn sie nach Spanien zu gehen sich entschließen, von mächtigem Einfluß sein. Auf alle Gewerbe, bis auf die Landwirthschaft erstreckt sich der Segen, wenn gewandte Hände da sind, um die Producte zu verwerthen, ihren Werth zu erhöhen. Spanien be-