Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1854)
- Date
- 1854-08-28
- Page
- Seite 443 (sequence 7)
- Language
- German
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443 chere Israeliten auS Baiern ansässig gemacht und im Unterlande gewinnen wir Zuwachs durch Badenser. Unsere religiösen Cultuszustände aber gewinnen durch die städtischen Gemeinden nichts, die Summa der Städter ist dem JndifferentiSmuS verfallen, und während das theologische Mitglied der Königlichen Oberkirchenbehörde auf dem platten Lande Rabbinate und Schulen visitirt, bleibt in den Städten eS beim alten Nihilismus. Daß diese Zustände dann für die Landgemeinden nicht aufmunternd sind, laßt sich denken. Wir können nicht begreifen, wie die Gemeinde Stuttgart, die mehr denn 125 israelitische Familien zählt, nicht Schritte thut, um eine eigene israelitische Elementarschule zu erhalten, da nach dem Gesetz solche auf Kosten der politischen GesamMtgemeinde müßte errichtet werden. Es kann keine gedeihliche religiöse Erziehung sich entfalten, wenn in den Elementarschulen die Confesstonen gemischt sind. Durch diese Amalgamation gewinnen das Judenthum und die Juden keine Freunde, nur in der Scheidung der Confessionen in besondere Erziehungsanstalten liegt der wahre religiöse Frieden der Religionsgenoffenschaften. Wenn einmal in den Elementarschulen der religiöse Grund gelegt ist, so kann dem Uebertritt der Schüler in die Mittlern Classen der Gymnasien und Realschulen kein Bedenken mehr entgegen stehen. Wir geben eS den Leitern unserer kirchlichen und pädagogischen Anstalten zu bedenken, ob eS nicht rathsam wäre, in der Hauptstadt des Landes, am Sitze der Central stelle, den Israeliten durch die Wahrung und Sicherung der religiösen Interessen mit gutem Beispiele voran zu gehen. Zur Ehre vieler Israeliten Stuttgarts muß eS gesagt werden, daß es nur der Anregung bedarf, um sie für die heiligsten Ideen zu begeistern. — Kirchenrath Maier hat die Rabbinatsvisitationen in den Bezirken BraunSbach, Mergentheim und Weikersheim im Monat Juni vorgenommen. Der greise Rabbiner Wassermann soll pensionirt werden und daS Rabbinat Mergentheim wäre neu zu besetzen. Ein einziger württembergischer Rabbinatscandidat ist noch vorhanden, daS Studium der mosaischen Theologie ist in Abnahme gekommen, das Jus und die Medicin sind die gesuchten Wissenschaften, es fehlt nicht mehr viel, so ist ein Procent der jüdischen Bevölkerung der Arzneikunde oder dem Advocatenstande verfallen. Einige unserer jungen Rechtspräctikanten haben glänzende Eramina bestanden, aber sie haben keine Aussicht auf Verwendung im Staatsdienste. Der Titularprofessor Privatdocent vr. Pfeifer in Tübingen soll von der juridischen Facultät zum außerordentlichen Professor vorgeschlagen werden. Unsere Landesuniversität hatte schon einmal einen jüdischen Professor, Dr. M. Mayer, der aber zum Christenthum übergetreten ist; er wirkt noch an der Hochschule mit seinem Collegen, dem Convertiten Michaelis. In Tübingen hat neulich die 15jährige Tochter des Vorsängers Eichberg aus Stuttgart in einem Concert als meisterhafte Claviervirtuosin schöne Erfolge errungen, so daß sich der Ruf derselben über die schwäbischen Marken hinaus verbreiten dürfte. — Ausgangs Juni fand in Eßlingen die Prüfung im israelitischen Waisenhause statt. Ohne daS frühere große Verdienst der Anstalt zu schmälern, muß jeder unbefangene Beobachter einsehen, daß unter der Vorstandschaft des Herrn Adolph Levi die Wilhelmspflege sich schöner entfaltet. Wir haben der Prüfung beigcwohnt und können dem Lehrer und Hausvater der Anstalt nur zu den schönen Erfolgen Glück wünschen, die er auf dem Gebiete des Unterrichts erreicht. Da die meisten der Waisenhauszöglinge nach Amerika auSwanderten, so wurde auf Betrieb der Frau vr. Dreifuß in Stuttgart und auf deren Kosten englischer Unterricht den Zöglingen ertheilt. Die Schüler lasen ziemlich fertig englisch und wußten auf die Fragen des EraminatorS ordentlichen Bescheid zu geben. Die Oeconomie der Anstalt ist fast für eine Waisenanstalt zu propre. Wie auch der Anstalt zu wünschen wäre, daß die Waisen allein und nicht in Gemeinschaft mit den Kindern der Israeliten Eßlingens unterrichtet würden. Nicht, daß wir übles Beispiel von diesen für jene fürchten, aber die Verhältnisse beider sind zu verschieden, als daß deren Erziehung und Unterricht nicht auch aus einander gehen müßte. Eine betrübte Erscheinung ist eS, daß, sobald die Zöglinge der Anstalt entlassen sind, sie den Wanderstab ergreifen und über die Atlantis dem westlichen Continente zuziehen. Wie der Zugvogel im Käfig um die Zeit, wo seine Genossen ihren Zug antreten, unruhig'flattert und der Trieb der Wanderlust sich in ihm regt, so juckt undrumort in unserer Jugend die AuSwanderungSmanie. DaS „laß dich stumpfen, laß öich stoßen vun die Leut, mach nur, daß du wirst « reicher Mann," ist wie ein Fluch in die Jugend und in die Welt gefahren, daß wir mit dem Psalmisten klagen müssen „die Treue hat