Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1854)
- Date
- 1854-08-28
- Page
- Seite 439 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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439 Nichtweiterkönnen, der nichts Anderes sagt, als „das Unbekannte," denn Notwendigkeit findet in der Natur nur als Wirkung, nicht aber als Ursache statt: alles Ursächliche ist freie Wahl eines denkenden Wesens.... Kurz, wir sehen: die eigentliche Naturforschung geht nicht weiter, als die Physis; nicht im Geringsten darf die Physik sich zur Metaphysik aufwerfen, und die Hoffnung ist eitel, daß die Naturwissenschaften jemals über die höchsten und letzten Fragen eine Entscheidung bringen werden, da sie diese nach den. selbstgesetzten Prämiffen in ganz entgegengesetzter Weise beantworten, und die Beweise dafür aus derselben Rüstkammer Natur holen. Und gilt nicht ganz dasselbe von der Philosophie? Die Naturwiffenschaften sind jung, die Philosophie ist alt. Rechnen wir die kurze aristotelische und alexandrinische Periode ab, da fast das ganze Mittelalter für die Naturwissenschaft verloren war, so hat die ächte Naturwissenschaft kaum dritthalb Jahrhunderte (Kopernikus, Galiläi, Kepler, Newton), während die Philosophie durch mehr als dritthalb Jahrtausende reicht. Hier sehen wir Kreislauf nach Kreislauf das Gebiet des Denkens durchlaufen, um immer wieder an der Grenze des Bewußtseins anzugelangen. Die Philosophie ist die große Schule des Denkens, wo die Vernunft mit schwerem Psiuge den Denkboten durchfurcht, umgräbt, von Unkraut reinigt, um einen Theils die Denkwege des MenschcngeistcS selbst klar zu legen, andern Theils die Denkfähigkeit desselben zu höchster Blüthe und Entwickelung zu bringen. Innerhalb die-- ser Kreisbahnen der Philosophie werden die verschiedenartigsten Anschauungen über Gott, Welt und Menschen zum Ausspruch gebracht, alle Richtungen dieser Ansichten immer feiner zerlegt, immer bestimmter gefaßt, aber, wie sie sich unter einander aufheben und widersprechen,'kann entschiedene Antwort auf die großen Fragen des Menschen auch von der Philosophie nicht erwartet werden. Wir kommen zur Theologie. Wir verstehen diese in objectivester Weise. Hier haben wir die zwei entgegengesetzten Richtungen: der Rationalismus und die sogenannte Orthodoxie. Was will der Rationalismus? Er will vernünftig erklären, was der geschichtliche Glaube darbietet. Er muß dazu zuerst die Kritik anwenden, was er von letzterm erklären könne und was nicht, indem er dieses zu verwerfen hat; er muß dann dem Uebrigbleibenden eine vernünftige Motivirung schaffen. Was ist dessen die Folge? Anfänglich entzückt er sich und die Welt mit seinen Erfolgen. Aber die erwachte Kritik geht bald mit Recht an ihn selbst, zeigt die Halbheit seines kritischen Verfahrens, zeigt die Willkür seiner Motivirung, zeigt die Unhaltbarkeit dieses Selbstbetruges, und — wirft den Rationalismus in die Reihe der kurzen Uebergangsphasen hinein. — Aber eben so wenig gelingt es der Orthodoxie, Herr ihrer selbst zu werden. Wo ist die Grenze? Der Glaube an das geschichtlich Gegebene, für sich ganz allein — denn dies ist der Begriff der sogenannten Orthodoxie— hat nothwendig keine Grenze, wie die Geschichte. Ihr geht auf die Augsburger Confession, auf das .siebzehnte und scchszehnte Jahrhundert zurück? Mit welchem Rechte? Steht Luther nicht auf dem heiligen Augustin? steht der Protestantismus nicht auf dem Katholicismus? Ihr müsset consequenterweise da hinein, und seid auch darin, ehe Ihr es noch selbst wisset, oder aber Ihr wollet es nicht wissen! Und wo ist die Grenze im Katholicismus? Dieser ist als Kirche zu sehr geregelt, um Seelen zu dulden, aber innerhalb desselben giebt' cs auch sehr verschiedene Stufen und Zonen! Und ist es in der jüdischen Theologie anders? Eitel Spiegelfechterei ist die „Vereinigung der Wissenschaft und der Orthodoxie!" Der Glaube an das geschichtlich Gegebene widerstreitet der Wissenschaft, er hat keine Grenze, er kann nirgends stehen bleiben, bis er sich in alle Verästelungen des geschichtlich Gegebenen, bis in die fernsten Theile, auS denen langst das Leben gewichen, das von der Nekrosis ergriffen, versteinert worden, versenkt und verloren hat. Er hat nicht das Recht, zu sagen, hier will ich stehen bleiben, dies will ich annehmen, jenes verwerfen, er muß das ganze geschichtlich Gegebene befassen, oder sich selbst aufgeben. Was bleibt uns also übrig? was im ganzen Kreise des Menschlichen? Nichts Anderes als das Jud ent hum; dieses Judcnthum, welches sehr verschieden von der jüdischen Theologie war und ist, verschieden von der Theologie im Priesterkleide des Aharoniden — da war eS das Judenthum Davids und Jeschajah's — verschieden von der Theologie der Schule zu Liberias, Juda Hanaßi's und Rab Aschi's — da war es das Judenthum, welches im Leben des römischen Staates mitwirkte, in den neupersischen Heeren mitfocht, mit dem Islam kämpfte — verschieden von der Theologie Rambams" und Raschi's, selbst von der Theologie des Schulchan Aruchs, so identisch es mit diesem erschien, von der Theologie des Pilpols und so fort --so wenig wie es jetzt, die Theologie der Reformer ist. Das Judenthum war immer verschieden von der jüdischen Theologie — nur in sehr seltenen und kurzen Momenten waren sie beide identisch, z. B. Moscheh 35*