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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-08-14 · Heft 33 (14.8.1854) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 33 (14.8.1854)
Date
1854-08-14
Page
Seite 420 (sequence 10)
Language
German
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420 der nur denken könnte, ans dem Geiste jedes erleuchteten und leidenschaftslosen Denkers verschwinden, der überzeugt ist, daß hundert Hypothesen und hundert Bedenklichkeiten einer einzigen Gewißheit gegenüber einer Null gleich sind. (Schluß folgt.) Auszüge. Die Juddn in Constanlinopel. Aus! Moriz Hartmanns FrühUngsbricfen aus Conftantinopel. Der Reisende hat sich bald überzeugt, daß jenes große Conglomerat öon Städten und Flecken nichts als eine große, vergoldete Täuschung ist — ein häßliches Bild im herrlichsten Rahmen —, ein Palast in reizendster Lage, aus Marmor gebaut, mit allem erdenklichen Schmuck an Front, Dach, Balconen und Terrassen verziert, innen die Wohnung des Verfalls, der Armuth, deS Schmutzes. Dieses traurige Geheimniß ist bald offenbar, noch ehe man Pera und G.alata ganz durchforscht, und man hat Angst, in den Kern dieses Geheimnisses, in die eigentliche Stadt Jstambul einzndringen. Fast hätte man Lust, es wie jener Engländer ‘ zu machen, der in seiner Nacht bis an das goldene Horn kam, vom Verdecke aus die Pracht ConstantinopelS betrachtete und dann mit einem Herzen voll Bewunderung wieder die Anker lichtete, und für immer davon segelte. Aber man ist ein gewissenhafter Reisender, und so muß denn doch die Brücke zwischen Galata und Stambul verlassen und die Wanderung angetreten werden. Auf dem Brücken-Platze drängen sich sofort ganze Schaaren von Juden heran, die dem Fremden ihre Dienste anbieten, denn die Juden sind die Führer und Dolmetscher in Stambul. Sie sprechen fast alle europäischen und mehrere orientalische Sprachen; unter sich bedienen sie sich der spanischen, da sie Abkömmlinge der aus Spanien vertriebenen Juden, also Brüder der holländischen Acosta's und Spinoza's, sind. Sie wohnen in einem ihnen angewiesenen Winkel außerhalb der alten Stadtmauer, jenseit des Phanars, und in einem am nördlichen Ufer des goldenen Hornes gelegenen Flecken, Haß-Kiöj genannt. Im Allgemeinen sind sie sehr arm und mit Wenigem zufrieden. Für mehrstündige Dienste.zahlt man ihnen drei bis vier: Piaster> Hr. v. G...- mein Gewährsmann, dem ich am j liebsten vertraue und dessen Worten ich in Beziehung mf j hiesige Zustande gern nachschreibe, denn er ist ein erfahrener und wahrhaftiger Mann, —. Hr. v. G., der in der Nähe von Haß- Kiöj und seit Jahren so zu sagen mitten unter den Juden wohnt, lobt sie wegen ihrer Bescheidenheit, Mäßigkeit und Häuslichkeit. Er nenttt sie gutmüthig, sieißig und verläßlich. — Die armen Juden! Bescheiden Müssen sie wohl sein, denn jetzt, da so viel von Emancipation der Griechen und Armenier die Rede ist, fällt eS ihnen gar nicht ein, an eine Verbesserung ihrer traurigen Lage zu denken und auch für sich erweiterte Rechte in Anspruch zu nehmen. Die reichen Juden in Pera, denen man schwerlich so viele Tugenden nachrühmen kann, wie denen in Haß-Kiöj, die haben eS besser; unter dem Schutze europäischer Gesandten sind sie — Banquiers wie die in der Lue Laffilte, in Wien und Berlin. Mein Führer erkundigte sich sehr theilnehmend nach der Lage seiner Glaubensgenossen im Occident und ob die letzten Jahre ihnen nicht einige Erleichterung gebracht haben. — Ob sich die occidentalischen Brüder, die in Paris z. W, eben so theilnehmend erkundigen, welche Erleichterung die Convention der Westmächte mit der Pforte den orientalischen Glaubensgenossen bringen werde? — Auf meine Frage, wie es denn den Juden in der Türkei ergehe, bekam ich von meinem Führer die überraschende Antwort, daß die Türken ehemals gegen den Juden ganz gut gewesen, daß sie aber in neuerer Zeit durch den häufigeren Umgang mit Europäern verdorben und böse geworden. — Daß die Armen nicht auf Rosen liegen, habe ich zu wiederholten Malen aus verschiedenen Auftritten selbst schließen können. Den Derwisch, der dem Juden in's Gesicht spuckte, habe ich schon erwähnt. In Galata sah ich zwei Juden, die mit einander einen Streit hatten, ohne zu Tätlichkeiten zu kommen. Mehrere türkische Soldaten kamen vorbei und machten, ohne sich nach der Ursache deS Streites zu erkundigen, die Friedensrichter, indem sie die Streitenden beide auf das Grausamste schlugen und traten. Ein anderes Mal, sah ich, wie ein Türke über die Kramstelle eines kleinen Judenknaben herfiel und ihm ein Spiel Karten raubte. Da sich der Knabe widersetzte und sein Eigenthum vertheidigte, warf er ihm fünf Para (kaum einen Sou) hin. Der Knabe fuhr fort in seinem Widerstand, schrie und' weinte und hielt den Mann gm Kleidd fest, ohne sich um die Stöße und Schläge zu kümmern, die er dabei bekam. Es sammelten sich viele Zuschauer -um die Scene- und der Räuber müßte das geraubte Güt wieder hinwerfen, nicht ohne viele Schimpfworte über den -armmJungen nüszuftoßender sein Recht vertheidigte.

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