Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-08-14 · Heft 33 (14.8.1854) · p. Seite 415

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 33 (14.8.1854)
Date
1854-08-14
Page
Seite 415 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225877-3225911--14040-3243520
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

415 die Lehre der Anstalt geschickt haben, Welche ja vom Geiste der Bekehrung geleitet wird. AuS guter Quelle weiß ich, daß auch hier wieder die unglückliche Hand der Neuorthodorie im Spiele war. Als die von Rogasen hergeeilte Mutter das Töchterchen wieder gefunden hatte, sollte ein bekannter Prediger eS in der Ueberzeugung von der Wahrheit des JudenthumS befestigen, allein dieser neuorthodore Geistliche macht mit geistlichen Phrasen nur bei Matronen Glücks und kam daher bei der 14jährigen Rogasenerin um ein halbes Jahrhundert zu früh. Nach ihren Unterhaltungen mit ihm scheint sie für ihre Apostasie unerschütterlich geworden zu sein, und sie hat sich wahrscheinlich gesagt: „Soll ich einmal aus dem Judenthume scheiden, so wähle ich das Christenthum, welches doch eine Religion ist, aber nicht die Neuorthodorie, welche keine Religion, sondern eine Travestie ist." Und ich frage Sie, welche Mittel zur überzeugenden Belehrung, oder gar Bekehrung kann die Neuorthodorie bieten, nachdem sie selbst das Vorbild von Unsittlichkeit und Sünde bietet? — Der gestürzte Vorsteher Malmen« hat so eben einen „Bericht an meine Mitbürger" veröffentlicht; die gestürzten Vorsteher Ben da, Blei chrö der, Hey mann, Jacob, Philipp Meyer, Michelet Salomon werden in diesen Tagen gleichfalls einen solchen Bericht veröffentlichen; beide Berichte wollen eine vielseitig angegriffene Vergangenheit rein erklären, der Unterschied ist nur, daß Malmen« seinen Bericht selber schreibt, unser eben so fein gebildete wie ehrenfeste Vorstand aber die Feder gerade so wie das Zepter zu führen versteht, aber sich fremder Federn bedient. Diesmal ist der beehrte Schriftsteller nicht Liepmannsohn, oder Veit, sondern D. Cassel. — Unser Vorsteher Bleichröder ist Agent der Herren von Rothschild, er hat in der neuesten Zeit als Vorsteher und als Agent wenig Glück gehabt. Vor einigen. Wochen kamen die Herren von Rothschild in Masse nach Berlin und verloren hier nicht blos die Gelegenheit, mit der Regierung das große Anleihen abzuschließen, sondern noch ein hübsches Sümmchen aus eigener Tasche an der Börse; vor einigen Tagen nun verloren sie beim Obertribunal einen seit 17 Jahren schwebenden Proceß, wobei, die Kosten mit gerechnet, eine Summe verloren geht, die einen Einwohner Jerusalems zum reichsten Manne der heiligen Stadt machen würde, — In der Spener'schen Zeitung vom 27. Juli wird von Seiten einer bekannten Größe der Neuorthodorie wieder großer Aerger enthüllt über die Vorstandswahl, und die Polizei indirect äufgefordert, doch ja keinen Reformer zu bestätigen. Der präsumtive Verfaffer hat den allerdings gediegenen Jnstinct, daß er bald abgewählt (sit venia verbo!) werden wird, und der Aerger ist eben so erklärlich, wie der Zug im Charakter der Partei vorherrschend, nicht mit Gründen, sondern mit Polizeihülfe den Gegner zu drängen. In seinem Bedenken gegen die Wahl praktischer Aerzte liegt etwas Wahres, doch würde er die Wahl des Arztes Fra Paolo wahrscheinlich in der Ordnung gefunden haben. F. Lt. Von der Warthe, 26. Juli. (Privatmitth.) In meiner Correspondenz Nr. 2 dieser Zeitung schrieb ich, daß unsere Provinz Gemeinden zählt, die kein Bedenken tragen, den Kindern durch den Besuch der Missionsschulen eine Brücke zum Uebergang zu bauen und deren Erziehung so einzurichten, daß, jedes Unterrichts in der eigenen Religion entbehrend, dagegen Kenntniß von einer andern erhaltend, ihr Abfall mehr als wahrscheinlich wird; denn „wer die Schule besitzt, -hat die Zukunft in Händen." Diese als wahrscheinlich ausgesprochene Folge hat sich in der Gemeinde Rogasen verwirklicht, in der Gemeinde, welche niLN-Machen und --Aufstehen für das Höchste in der Religion hält, und die da behauptet, nur da werde ein wahres Gebet verrichtet, wo noch viel, im Gotteshause geplaudert wird. — In dieser Gemeinde bestand neben der dreiclassigen Elementarschule eine Missionsschule, die von circa 70 israelitischen Kindern besucht worden — warum? weil ihnen darin Schreibmaterialien und Lesebücher gratis verabfolgt werden. Natürlich wurden die jüdischen Kinder sehr emsig von den christlichen Dogmen unterhalten. Die Kinder mußten beim vorgehaltenen Bilde Christi schwören, Niemandem vom Unterrichte Etwas mitzutheilen. Erst in neuester Zeit hat die dortige Judenschaft davon Kunde erhalten und zwar durch folgenden Vorfall. Die 16jährige Tochter eines dortigen Schneiders besuchte einige Jahre lang die Missionsschule, ohne jüdischen Religionsunterricht zu genießen. Vor einiger Zeit entfernte sie sich vom elterlichen Hause, um, wie sie vorgab, ihren Verwandten in Wongrowiec einen Besuch abzustatten. Bald erfuhren die Eltern,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.