Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1854)
- Date
- 1854-08-07
- Page
- Seite 407 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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407 Bildwerke von der Hand der Sabina auf; sie sind hoch, schlank, fast dünn gearbeitet, ganz in der Manier Holbeins und Albrecht Dürers, acht mittelalterlich deutsch. Sie stellen daS alte und das neue Testament vor, und da wird es denn nicht wundern,^ daß das neue Testament mit Kreuz und Kelch als Siegerin, das alte Testament mit Schleier über dem Haupte und zerbrochenem Spieße dargestellt ist. Gott sei Dank, daß wir sagen können, wir haben den Spieß stets Andern überlassen, und ihn weder ganz, noch zerbrochen gegen unsere Nebenmenschen geführt, es sei denn zu unserer Vertheidigung. WaS den Schleier anbetrifft, das überlassen wir der Geschichte, die ja noch einige tausend Jahre vor sich hat. — Außerdem ist noch eine wunderschöne, muschelartige Wendeltreppe, von Erwin selbst erbaut, im Hause. —Sagen wir nun noch, daß Straßburg sehr gefällige Spaziergänge und Gärten ringsherum hat, und wir wüßten bei unserem kurzen Aufenthalte, dessen größte Zeit dem eigentlichen Zwecke unserer Reise gehörte, nichts mehr zu sagen. Die jüdische Gemeinde in Straßburg ist eine ziemlich zahlreiche,, wohl an die 1500 Seelen. Was mir viele Freude machte, war, den religiösen Sinn zu bemerken, der die dortigen Glaubensgenossen noch beseelt. Es war die einzige Synagoge, die ich auf meiner Reise am Sabbath tüchtig gefüllt fand, obschon sie viel größer, als der Consistorialtempel in Paris ist. Der Gottesdienst ist der nämliche, wie in Paris, aber der Chor ist viel bedeutender und durch die Schüler der eeole de travail, welche dm Sabbath die Synagoge zu besuchen angehalten werden, verstärkt, und der Obercantor Löwe ist in der That ein ausgezeichnetst Chasan und ein vorzüglicher Sänger. Die Stärke seiner Stimme, welche das Gebäude erzittern macht, die Richtigkeit der Intonation, die Energie und Genialität des Gesanges habe ich noch nirgends so gehört. Er ist der einzige Rival SulzerS, den ich bis jetzt gehört, und wenn freilich die Lieblichkeit und Gefühlsfärbung des Gesanges bei Sulzer unübertroffen, wenn namentlich daS Auslaufen des GefangeS bei Sulzer und seinem Chor wundervoll ist: so hat Löwe den Vorzug der Tongewalt, und kräftige, energische Stellen werden bei ihm mit überwältigender Gewalt, mit erschütternder Macht vorgetragen. Straßburg hat auch den Vorzug, daß in seiner Synagoge, so viel ich weiß, allein in Frankreich, öfter gepredigt wird, auch außer den Feiertagen. Herr Großrabbiner Aron pflegt seines Amtes mit Eifer. Ich hatte zwar keine Gelegenheit, ihn zu hören, aber seine Predigten., werden sehr gerühmt. Von den jüdischen Anstalten sah ich zwei. Zuerst das Altenhaus des Herrn Louis Ratisbonne, des . Präsidenten des Konsistoriums. Es ist äußerst nett und reinlich eingerichtet, gegenwärtig von elf Alten, bewohnt, für deren Bedürfniß im ganzen Umfang aufs Beste gesorgt ist, und deren Anblick schon ihre-Zufriedenheit, und ihr Glück bezeugte. Die Anstalt wird auf's Sorgfältigste verwaltet und. Herr RatiSbottne selbst überzeugt sich persönlich oft von dem Wohlgedeihen Aller. Es versteht sich von selbst, daß ich Gelegenheit nahm, -den edlen Stifter selbst zu begrüßen, ihm für die Ehrenbezeugung persönlich zu danken, die derselbe mir im vorigen Winter hatte zukommen lassen, und ihn für die Erziehung junger türkischer Juden zu interessiren. Ich fand bei wiederholten Besuchen in ihm ganz den ehrwürdigen Greis, wie er geschildert worden. Möge ihm der Herr noch ein recht langes, beglücktes Leben bestimmen! Unter der Leitung des Herrn Bankdirectors Hirsch und des Herrn Achille Ratisbonne, Mitglieder des Municipalrathes, besuchte ich die, namentlich vom Erstem mit ganz ungewöhnlicher Sorgfalt und Liebe überwachte ecole de travail (des arts et meliers). Sie zählt jetzt 44 Zöglinge, die ihre Meister und Gewerbeschulen des Tages besuchen und dort ihr Gewerbe erlernen 7— außer Sabbath und Festtage — deS Abends zur eeole kommen und in den Freistunden noch Privatunterricht, namentlich im Zeichnen genießen. Sie haben Alles frei — auch eine sehr anständige Uniform — und Lehrgeld wird für sie bezahlt. Die Räumlichkeiten sind von Herrn Louis Ratisbonne hergegeben. Ich durchwanderte den Speisesaal, den Arbeitssaal und die Schlafsäle, und fand überall die größte Sauberkeit, die sorgfältigste Ordnung, die Luft rein, die Nahrung gesund — in der That, ich sagte mir: es ist doch oft nicht übel, als Jude geboren zu sein! Warum hat daS jüdische Deutschland eine solche Anstalt nirgends?... Ich glaube Wien darauf aufmerksam zu machen. Wien, wo so viel für die jüdischen Handwerker geschieht, braucht nur noch einen Schritt weiter, zu gehen, um zu demselben Ziele zu kommen. Die Observanz des Sabbaths und der Festtage, der sabbathliche Besuch des Gotteshauses, die koschere Nahrung, dies Alles wenig-, stens während der Lehrjahre macht jedenfalls das Judenthum in den jugendlichen Geistern fester wurzelnd, und erinnert die Jugend durch das ganze Ensemble immerfort, daß die jüdische Religion ihre Mutter, Erzieherin und Pflegerin ist- So war ich denn fast unbewußt wieder im deutschen