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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1854-08-07 · Heft 32 (7.8.1854) · p. Seite 399

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
18 (1854)
Issue
Heft 32 (7.8.1854)
Date
1854-08-07
Page
Seite 399 (sequence 3)
Language
German
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399 In einem länger» Aufsatze in den ersten Nummern dieses Jahres erkannten wir, daß die Philosophie der Griechen, also das antike Heidenthum, wesentlich daran zu Grunde ging, daß sie die Schöpfung der Materie nicht begriff, daß sie—- die Ewigkeit der Materie voraussetzte. Das moderne Heidenthum hat keinen andern Angelpunkt. Karl Vogt mag noch so glatt und eben auf der Bahn der Naturforschung einherfahren; plötzlich steht er an dem Abgrund des ihm „eingestopften" „dogmatischen Unverstandes" — der „Ewigkeit der Materie," und nun ist es aus mit ihm, er schweift rechts und links, springt hinüber „wie der Schimmel durch die Hecken," dann „geht's wieder glatt weiter." Mit großer Energie ruft Vogt in dem gedachten Aufsätze aus, daß dieser Fundamentalsatz von der Ewigkeit der Materie den Menschen immerfort zugerufen werden müsse, zuletzt werden sie ihm glauben, wie die Bewegung der Sonne um die Erde. Und womit beweist er diese „Ewigkeit der Materie?" Mit deren Unzerstörbarkeit, weil nur die Form der Materie wechselt, diese aber bleibt, weil die Materie andere Verbindungen eingeht, andere Gestalten annimmt, andere Functionen übernimmt, aber mit ihren Grundeigenschaften der Schwere, der Anziehung re.*) niemals verschwindet. Selbst Verbrennung und Verwesung ist nichts Anderes als Formwechsel. Dies ist die Beweisführung des Herrn Karl Vogt. Und weil nun die Materie unzerstörbar ist, muß sie auch unerschaffbar sein. Wieder eine Beweisführung. Denn „aus dem Nichts kann auch Nichts werden." Eine alte Sage. Wenn von jeher der Kampf gegen irgend Einen leicht war, so war es der Kampf gegen diejenigen, welche an zweien Tischen zugleich sitzen wollen, an dem des Skepticisrnus und Dogmatismus. Hätte Herr Karl Vogt sich gegen jeden Dogmatismus erklärt, hätte er den Grundsatz festgehalten, den er anderweitig ausspricht: „die Thatsache ist unumschränkte Herrscherin im Gebiete der Naturwissenschaften, sie reißt Alles nieder, was ihr entgegenfteht," und hätte mit diesem Ariom in der Hand gefolgert: weil wir nun noch keine Thatsachen über die Schöpfung haben- oder doch blutwenig, darum wissen wir über die Schöpfung nichts, und müssen sie vorerst noch sich selbst überlassen — so wäre er ein ehrlicher Skeptiker, und man überließe ihn auch sich selbst. So aber tritt *) Ei, Herr Karl Vogt, warum bei so wichtiger Gelegenheit ein „rc.?" warum nicht Alles angeführt, waS da angeführt werden kann? denn schon „Schwere, Anziehung" sind ja ein und dasselbe! er mit demselben Athcmzuge doch auch als Dogmatiker auf, und dies ist schlimm für ihn. Er spricht also drei dogmatische Satze aus: 1) aus Nichts kann Nichts werden; 2) weil die Materie unzerstörbar ist, ist sie auch unerschaffbar; 3) die Materie ist unzerstörbar, weil bei allem Wechsel der Form sie dennoch nie verschwindet. Sind das etwa Thatsachen, oder find es Dogmen? Wir wollen sehen. Vogt behauptet und erweist als eine THatsache: daß kein Beispiel vorhanden ist, wo ein Organismus ohne Eltern erzeugt worden ist, so daß also nur Zeugung auf dem Wege der Fortpflanzung durch Eltern stattsindet. Er sagt ausdrücklich: „wir halten diesen Satz als ein thatsächliches Resultat fest"*). Was würde daraus folgern? daß die Organismen so von ewig her gewesen sein müssen und folglich auch ewig sein werden. Allein besteht dies mit anderen Thatsachen? Nein! Wir wissen vielmehr aufs Bestimmteste, daß früher auf dieser Erde sowohl im Pflanzenals im Thierreiche Organismen eristirten, die mit den jetzt Lebenden keine oder nur geringe Aehnlichkeit gehabt haben. Herr Karl Vogt selbst läugnet, und mit großem Rechtealle versuchte Vermittelung zwischen diesen Schöpfungsarten. Er sagt: „Wir haben gesehen, daß es Perioden in der Erdgeschichte gab, wo das Lebende vernichtet wurde und neue lebende Wesen erzeugt wurden." Also Thatsache wider Thatsache. Wir kennen keine Organismen, die ohne Eltern erzeugt sind, und es sind doch ganze Schöpfungen von Organismen erzeugt worden ohne Eltern, da vorher ganz andere vorhanden waren! Was folgert hieraus? Daß die Organismen nicht von ewig her so gewesen sind, und daß eine Urzeugung organischer Wesen aus „formlosem Stoff" angenommen werden muß da wir ja den Anfang solcher Wesen, die vorher nicht da gewesen, in der Zeit auf's Bestimmteste wissen — daS giebt Vogt selbst zu. Hieraus geht also hervor: daß eine Urzeugung stattgefunden haben muß, trotz dem wir kein Beispiel deren jetzt kennen — und nun fragen wir: wenn wir jetzt kein *) Herr Vogt fügt zwar hinzu, daß es aber doch auch anders sein und man noch eine andere Beobachtung machen könnte — allein dies ist Spiegelfechterei, denn wo bliedie thatsächlichen Resultate und ihre Herrschaft in den Naturwissenschaften, wenn man sich bei jedem „thatsächlichen Resultat" Vorbehalt, daß auch das gerade Gegentheil möglich wäre? 32*

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