Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1854)
- Date
- 1854-07-31
- Page
- Seite 391 (sequence 9)
- Language
- German
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m dewesen, für die künftige Gestaltung überall so lebendig war. Aber bald zeigte sich der grosie Unterschied zwischen den beiden Parteien und zwischen den beiden geistlichen Führern. Während Ur. Geiger selbst ganz außerhalb alles Parteigetriebes blos in Verbindung mit seinem Comite blieb, sich aber persönlich an keinem Schritte betheiligte, ließ Tiktin Mann für Mann aus der Gemeinde zu sich entbieten, suchte durch Ueberredung und Vorspiegelungen die Einen durch erweckte Befürchtungen für die „Religion" u. s. w., die Andern zu gewinnen, und ließ sich endlich, wo eS nur ging, und wie eS nur ging, die Wahlzettel u n a u S g e f ü l l t, nur mit der NamenSunterfchrist versehen, zusammenholen, um sie dann nach seinem Belieben selbst auszufüllen. Welche Mittel dabei angewandt wurden, will ich lieber verschweigen. Man wußte wohl im Geiger'schen Heerlager Einzelnes von diesen Machinationen, allein man dachte, da doch nach der Vorschrift deS Wahl-Commiffarius die Wahlzettel persönlich überreicht werden müßten, so würden diejenigen, welche nur einem moralischen und unmoralischen Zwange gefolgt waren, doch großentheilS ihren ohne ihr Wiffen und wider ihren Willen ausgefüllten Wahlzettel nicht abgeben. Man zählte in beiden Lagern und ohne bestimmte Berechnung zu haben, schrieb man sich in beiden den Sieg zu. So erschien denn unter Furcht und Hoffnung, unter Berathen und Anstrengung der wichtige Wahltag. Ein Gerücht hatte sich verbreitet, Tiktin habe, entgegen der Vorschrift, am vorhergehenden Tage die von ihm erbeuteten Wahlzettel bereits sämmtlich überreicht; aber das Gerücht schien unglaublich, um so unglaublicher, als der Herr Wahl-Commiffarius auf mehrfache an ihn gerichtete Anfragen, ob die vielen Abwesenden nicht durch direct an ihn gerichtete und durch die Post von ihrem gegenwärtigen Aufenthaltsorte an ihn gelangende Schreiben ihre ausgefüllten Wahlzettel einsenden könnten, immer erklärte, er müsse sich die Entscheidung über diese Frage Vorbehalten. Ja, ein Wähler, welcher einige Tage >zuvor in's Bad reiste, wandte sich an denselben persönlich mit der Bitte, den Wahlzettel, den er ihm überreichte, in Empfang zu. nehmen; der Herr CommiffariuS lehnte eS ab. Man strafte daher das Gerücht bis zum letzten Augenblicke Lügen. Herr von Kehler eröffnete den Termin, ernannte von beiden Parteien Wahlzeugen und bemerkte, eS sei ihm ein Packet von Wahtzetteln zugegangen, an deren Unterschrift nicht zu zweifeln sei, und diese hätten natürlich dieselbe Geltung, wie die persönlich überreichten. Der kurz verhaltene Unwille machte sich bald Luft, und ein ener^ gifcher Protest wurde von den Geiger'schen Wahlzeugen übergeben und zu den Akten gelegt. Unterdeß ging daS Wahlgeschäft vor sich. Die selbstständigen Wähler, welche sich ihre Zettel nicht hatten entreißen lassen, kamen schaarenweise. Ungefähr 783 Stimmzettel wurden persönlich abgegeben. Der Herr Wahl-CommiffariuS sah auch bald ein, daß das ungesetzliche Verfahren nicht zu billigen sei, schlug jedoch vor, am Nachmittage, wo mit der Stimmenzählung begonnen werden sollte, zuerst die persönlich überreichten Zettel vorzunehmen, dann besonders die durch Herrn Tiktin überschickten, so wie die sonst schriftlich ihm zugekommenen. Im Fall, daß daS Wahlresultat durch diese zweite Categorie nicht beeinträchtigt werde, sei die Frage factisch erledigt, im andern Fall müsse die Entscheidung der Negierung Vorbehalten werden. Am Nachmittage deS 14. begann die Stimm» zählung mit den persönlich überreichten Zetteln, und daS Resultat war der volle Sieg sämmtlicher 30 Candidaten der Geiger'schen Candidatdnliste. Die Fortsetzung ward auf Dienstag den 18. festgesetzt. Da kam das Monstrepacket von etwa 473 durch Tiktin überreichten, ein Filialpackchen von 40 nach dem Wahltermine durch denselben ein» gesandten Wahlzetteln, und endlich etwa 80 durch die Stimmgeber selbst unmittelbar schriftlich überfchickten. Ich will, da ich Ihre Geduld schon lange genug in Anspruch genommen', die Unregelmäßigkeiten,' die sich da herausstellten und die man auch größtenteils mit Stillschweigen überging, nicht besonders hervorheben. Zettel, die unten die Geiger'sche Candidatenliste halten, und oben darauf mit der Tiktinfchen überklebt waren, Unterschriften von Personen, die gar nicht hier lebten, andere in jüdischer Currentschrift mit der Beglaubigung eines PartisanerS in seiner Eigenschaft als SchiedSmann und dergleichen kamen zum Vorschein, die die Bürgschaft deS UeberfenderS in ein etwas seltsames Licht'stMeu, ittkd in der That wurden sechs Zettel von dem Wahl-Commiffavius als ungültig annullitt. Endlich, am Mittwoch den 49., stellte sich das Resultat heraus und 31