Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1854)
- Date
- 1854-07-24
- Page
- Seite 373 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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373 welchen in denjenigen Nerven, welche mit ihren zartesten Endfasern - gewisse Muskelfasern umschlingen (immer ohne in dieselben - direct überzugehen — motorische Nerven —), durch das Strömen: der Nervenkraft ein Anziehen der Endpunkte dieser Fasern gegen -einander, d. h. eine - Muskel- Zusammenziehung unmittelbar bewirkt wird. Das Strömen der Nervenkraft hat man - daher mit dem Strömen der galvanischen Elektricität identificirt, oder doch in der Zusammenziehung der Muskeln ein magnetisches Moment erkannt und um so mehr den ganzen Akt dem Magnetisiren des Eisens durch Elektricität andie Seite gesetzt*). Dabei erinnere man sich, wie ungeheuer groß die Kraft ist, welche die Muskeln durch ihre Zusammenziehüng auszuüben vermögen, daß z. B.'' nach Cd. Weber die beiderseitigen Wadenmuskeln eines Erwachsenen im Stande find, durch ihre Zusammenziehung ein Gewicht .von' 324 Kilogrammen, d. i. ungefähr das Fünffache von der Schwere eines erwachsenen Menschen zu heben**).; Wir wollen nun diese Theorie als völlig constatirt, all die Fragen, die sich dabei erheben, als völlig gelöst voraussetzen, wir wollen absehen, wie oft schon - die Physiologie auf physikalische Erfahrungen, so wie sie zu Lage kamen, ihre Theorien aufbaüte, die sich später als illusorisch erwiesen — so wurden wir wohl dabei zugeben, daß hiermit der physikalische Theil der Muskelbewegung beleuchtet worden ist — aber ist damit auch das geringste Licht darauf geworfen, wi e der Wille' diese Nervenströmung hervorbringt? wi e der Wille dieser Nervenströmung und durch diese der Muskelbewegung die Richtung vorschreibt, daß sie Gehen und Läufen in dem verschiedensten Tempo, die Bewegung der Fingerglieder, Hände und Arme in der mannichfaltigsten Weise u. s. w. bewirken? ist damitder Wille selbst auch nür im Geringsten erklärt? denn, wenn auch der ganze elektro-magnetische Apparat in den Muskeln und Nerven vorhanden ist, so wie Einer da sein muß, der den Draht ein- und ausl/ängt und Magnet (magnetifirtes Eisen) und Eisen zujammenbringt, um letzteres durch ersteren heben und tragen zu lassen, so noch mehr muß noch ein Anderes vorhanden sein, welches die Strömung der elektro - magnetischen Kraft durch die Nerven bewirkt und die Richtung der MuSkelthätigkeit bestimmt: Mit ein em Worte, wenn *) S. Carus, „DaS Maschinenwesen und der große Meister." **) S. Valentin, „Lehrbuch der Physiologie." 2. Ausgabe. 2.Theill - S. 230. der Naturforscher das physikalische Moment' der Muskelmotion erklärt oder' der Erklärung nahe gebracht zu haben glaubt, so wollen wir dies zugestehen; lyenn aber der Naturforschler nunmehr auch' das psychologische, das seelische Moment mit Elektro- Magnetismus identificiren, und den Akt des freien Willens so wie des Gedankens; aus dem diesed entspringt, zu' einem elektro-magnetischen Proceß machen will, so ist erdem Aberglauben anheimgefallen — gegenwärtig müssen wir ihn bekämpfen, wie früher den Glauben an Hererei, dereinst wird man darüber lachen. Es ist eine ganz falsche Lehre, daß in der Natur Alles nothwendig so fei, wie es ist. Im Gegentheil, überall stoßen wir auf Wahl, Willkür, welche einen Gedanken voraussetzt. Allerdings, nachdem einmal die Wahl getroffen war, nachdem ein bestimmter Gedanke verwirklicht werden sollte: konnte es füglich nicht anders sein, wie es ist, ohne mangelhaft zu sein, ist die beste, klügste Weise! der Ausführung getroffen. Mit einem Worte: die Bedingungen waren frei und Voraussetzungen) nachdem diese gestellt, beginnt erst die Nothwendigkeit. Z. Begehet die Pflanzenwelt durch-' welche' unendliche Mannichfaltigkeit der Zahl, der Stellung, der Größe und dergleichen, der Staubfäden, deS Stempels u. st w.! Erinnern wir uns jener Aufgabe, die vor vielen Jahren zuerst Jean Jacques Rousseau in seinen Briefen über die Botanik an die Mad. Delessert stellte, wodurch in den Kreuzblüthlern (Cruciferen), namentlich in der Levkoie, zwei von den sechs Staubfäden eine Biegung machen, ehe sie sich in die Höhlung des Kelchblattes hineinlegen, und dadurch verkürzt erscheinen, ohne es zu sein? Solcher Fragen lassen sich hunderttausende stellen. Wo ist da. eine Nothwendigkeit? Keine, sondern eine Fülle von .Gedanken, von Entwürfen, um die mannichfaltigsten Gebilde hervorzubringen. Erst wenn der Gedanke gewählt ist, der Entwurf angenommen, also die Voraussetzungen oder die Bedingungen, des zu Schaffenden, dann tritt die Nothwendigkeit ein, um die Mittel der Ausführung als unerläßliche zu bestimmen. — Wenn diEothWendigkeit wirklich das herrschende Princip in der Natur wäre, warum sind wir so selten vollkommen im Stande, den Zweck anzugeben, den die einzelnen Gebilde-der Natur haben? warum find wir über höchst wichtige- Organe noch so sehr im Dunkel?... Kannst Duz. B. sagen, wozu diese Blumenkrone ist? welche ihre Bestimmung? Was wäre unsere Erde ohne den Farbenschmuck, ohsse den Duft, ohne die zierliche Gestalt der Blumen und Blüthen? Und welche unendliche Mannichfaltigkeit! welche Mannich-