Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1854)
- Date
- 1854-07-03
- Page
- Seite 337 (sequence 7)
- Language
- German
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tenden Vorsteher fiel, selbst der Theilhastigkeit an der Erfatzmannschaft würdigte man sie nicht, und sie mögen in ihrer, hoffentlich lebenslänglichen Zurückgezogenheit darüber Nachdenken, ob dieses Vertrauensvotum ihrem Verwaltungsgenie, oder ihrer Unparteilichkeit, oder ihrer Frömmigkeit gilt. Ueber den Charakter der neu gebildeten Verwaltung ein Urtheil zu fällen, habe ich weder den Berus, noch die Anmaßung, ja nicht einmal die Fähigkeit, da mir nur zwei der Herren persönlich bekannt find, und jedenfalls die Handlungen abzuwarten sind. „Measures not men!“ sagt der Engländer, und wenn beim weiland Vorstande das „not men" jedem gethanen und jedem unterlassenen Schritte eingeprägt war, so wollen wir die bevorstehenden measures vertrauensvoll abwarten. Das Ministerium Aberdeen wird bekanntlich in seiner Verschmelzung der politischen Richtungen durch deren glänzendsten Vertreter „das Ministerium aller Talente" genannt; unser neuestes Aeltesten - Collegium umfaßt alle herrschende Richtungen und jedenfalls viele Talente. Carl Heymann ist ein einflußreiches und thatkräftigesMitglied der Resormgenoffenschast, Meyer Magnus ist ein nobler, gebildeter und talentvoller Mann deS religiösen Fortschrittes, I. W. Meyer gehört halb der Neuorthodorie an, zu ihm steht vr. Cassel fast in demselben Verhältnisse, wie Gustav Liepmannsohn zu A. H. Heymann, und er soll zu oft die Meinungen des Dr. M. Veit adoptiren. Die übrigen Vorsteher gelten für gemäßigte, verständige und parteilose Männer. Nous verrons! Das ist schon jetzt klar, daß sowohl im Schooße des neuen Vorstandes wie der Repräsentanten ein besserer Geist und mehr Würde herrschen wird. Es darf vorausgesetzt werden, daß einer der ersten Schritte der Aeltesten die Entfernung gewisser Personen aus der Schulleitung ist. F. Lt. Posen, im Mai. (Privatmitth.) Motto: Der Wunder größtes ist, daß die ächten, wahren Wunder so alltäglich werden können, so alltäglich werden sollen. " Nathan der Weise. Die Wahrheit dieses Satzes rechtfertigt sich durch häufige Erfahrung. Die wichtigsten Ereignisse im Leben verlieren leicht ihre Bedeutsamkeit und entschwinden dem Auge des Beobachters, sobald sie in's Alltägliche übergehen. Nur die Neuheit des Ereignisses macht Eindruck. Einem solchen Loose unterliegt auch der heilige Akt deS Betens.. Wie viele triviale. Verstöße sind noch gegen dasselbe vorherrschend; Verstöße, die ihren Grund in tief gewurzelter Gewohnheit haben und eben deshalb ungerügt bleiben. Im Orach-Chajim hilchot Berachot (Y-tfö a"a ^o) heißt eS: ip'*! NiTiü pn li-irfcn pan ■pa* arpttJi nvnb^ an üua rb5> Kif «bwi i'rairü'i '■waa 'Tin-nmpb b^i bnpb 'atnTai Der Vorbeter muß demgemäß eine strenge Jnnocenz, eine musterhafte Pietät besitzen; nicht einmal Makel aus der Epoche seiner Jugend dürfen ihn 'beflecken. Dabei darf er nur mit definitiver, einstimmiger Bewilligung deS KahalS den gottesdienstlichen Vortrag halten und muß auf dem Gebiet der Eregese bewandert sein. Auch die Beobachtung des äußern Anstandes, die Reinlichkeit seines Anzuges wird ['w a"i ibid.] gefordert. Schwierig ist diese Aufgabe und bedeutungsvoll sind vie Forderungen, und dennoch! Mit welchem JndifferentiSmuS werden die Grenzen dieser Vorschrift überschritten! Wie viele Subjecte, denen jene Eigenschaften theilweise oder gänzlich abgehen, drängen sich, unberufen, ohne Vorbereitung, wohl gar ihrer Unfähigkeit bewußt, aus eigener Willkühr zu den Stufen des Altars, und tragen das Gebet unter Fehlern vor, welche um so unverzeihlicher sind, als. dadurch die craffesten Verunglimpfungen des göttlichen Wortes entstehen. Bei Manchen liegt die Sucht, ihr Gesang-Genie zu produciren, zu Grunde und dieses widerspricht ja evident dem Orach-chajim ibid.]. Die Gemeinde der Provinzial-Hauptstadt Posen wird zwar weniger von diesen Vorwürfen betroffen, indem die von der Gemeinde bestellten tpam oder “napÄ Tnbui has Morgen- und Abendgebet öffentlich vortragen; aber wie elend sieht eS in dieser Beziehung in den andern Gemeinden der Provinz Posen auS. Einem bonum vacans gleich, greift darnach, wer da will. — Im Gefühl der Religion, im Interesse des JudenthumS frage ich: ist es nicht zum Erstaunen, daß bei dem mächtigen Fortschritt der gottesdienstlichen Ordnung nichts zur Abhülfe dieser Willkühr gethan wird? Und dies zum größten Theil in dieser Provinz! Man bewegt sich während des größten TheileS der Zeit im Geschäfts- und Familienleben. Warum soll man nicht in den heiligen Hallen des Tempels bei der Andacht einen geistigen Genuß haben? nbn '■»«BW Sw