Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1854)
- Date
- 1854-07-03
- Page
- Seite 332 (sequence 2)
- Language
- German
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Wir haben stets gegen eine anbefohlene Reform protestirt, und protestiren eben so gegen Me anLefohlene Orthodoxie: : v ^Wir ’ scheu also voraus, daß der- Mann, mit seinen Worten „die Orthodoxie habe gesiegt" nichts Anderes als einen innern Sieg der Orthodoxie verstehe, den diese im Schooße der Synagoge erfochten. Aber worin will er diesen finden? Darin, daß jetzt allüberall in den Gemeinden, in großen und kleinen, die Versuche, einen der Zeit angemessenem Gottesdienst herzustellen, aufgehört haben, daß man jede Anstrengung dafür scheut, daß nicht allein die extremen Versuche der Art aufgegeben find, sondern daß man an den meisten Plätzen, wo schon ein wür-. diger Cultus hergestellt war, wieder zu dem alten Wust und Schlendrian zurückgefallen ist, so daß also die alte Stabilität allerdings sehr viele Triumphe feiert? darin, daß die ganze Frage der Cultusverbefferung so ziemlich in völliges Stillschweigen gerathen ist und man sich kaum damit noch beschäftigt? Lieber Freund! dies Alles ist wahr, ist factisch, und wenn in der That damit die Orthodoxie von innen heraus gesiegt hätte — würde ich ihr recht gern auch meinerseits den Glückwunsch darbringen. Aber täuschen wir unS nicht: nicht die Orthodoxie hat gesiegt, sondern — der JndifferentismuS, die Religionslofigkeit hat gefiegt. Wenn die Umgestaltungen des Gottesdienstes aufgehört, wenn Chorgesang, deutsche Lieder, ja selbst Predigt in der Synagoge wieder verstummen, wenn die Piutim wieder zurückkehren und die Liturgie, wie sie vor hundert Jahren, wenn man. in den Synagogen wieder gemüthlich plaudern und lärmen darf, wenn überall orthodox sich stellende Candidaten als Rabbiner mehr Aussichten haben, ein Aemtchen zu erhalten, als andere — glaubet nicht, daß damit die Orthodoxie gesiegt, indem sie die Geister von Neuem gewonnen, die Gemüther von Neuem erfüllt hat, sondern die Gleichgültigkeit, die Erschlaffung, der lwrror vor jeder religiösen Regung hat es dahin gebracht. Denn sagt, haben sich etwa die Synagogen mit Betern wieder gefüllt Morgens und Abends? wird Sabbath und Fest wieder treulich gehalten? haben sich die Thüren der Läden an diesen Tagen geschloffen? werden die Cpeisegcsetze wieder geachtet, und sieht man die. tables d’hote von Juden leer? werden die ReinigkeitSge setze gehalten, und haben die Rabbinen wieder recht viele derartige Fragen zu beantworten? lassen die Leute ,, ich meine namentlich die „frommenwieder ihre Kinder Talmud und Schulchan Aruch lernen? lassen Sie sie namentlich nichts weiter lernen?.^. Ich Hin schon viel in Deutschland umhergekomuren^uW iyuß unserm Briefschreiber sagen,' daßdiese Montente sin den letzten Jahren nicht allein nicht wieder zugenommen, sondern in — erschreckender Weise abnehmen, daß ihnen immer mehr Juden entwachsen, daß es nicht mehr blos die sogenannte „gebildete" Schicht, sondern arme und mittlere Juden find, welche sich ihnen immer mehr entziehen und in der Erziehung ihrer Kinder immer schlaffer werden. Ist dies aber der Fall, so können wir schwerlich von.einem Siege der Orthodoxie sprechen, diese nimmt vielmehr nur.ein Gebiet in Besitz, das ihr nicht mehr streitig gemacht wird. Weil die Gegenwart immer mehr aufhört zu existiren, darum ist sie noch nicht besiegt, und offen gestanden, solchen Sieg halte ich ebenfalls für eine Niederlage, für eine schwere Niederlage des Judenthums, bei der Alle verlieren, die im Judenthume sich befinden, nennet sie Orthodoxe oder Reformer! Aber es kommr hier noch eine ganz andere Frage herein. Was heißt denn Orthodoxie, und welche Orthodoxie ist es, die gesiegt haben soll? Wenn es vor« einiger Zeit eine ziemliche Nüancirung reformatorischer Farben gab,' so giebt es jetzt eine ziemliche Mannichfaltigkeit orthodoxer Couleuren. Ohne das Wort „orthodox" in seiner eigentlichen, wörtlichen Bedeutung urgiren zu wollen, hatte man immer die darunter verstanden, welche einfach und ehrlich das alte Judenthum, wie es vor Mendelssohn in Wort und Schrift, in Form und Wesen, in Sitte und Gesetz bestanden hat, wollten und übten. Aber erst in der jüngsten Zeit hat es sich gezeigt, daß dies eine veraltete Anschauungsweise sei, daß es vielmehr jetzt so viele Orthodoxien giebt, wie sich Orthodoxe zu nennen belieben. Da tritt zuerst Herr „Ludwig Raschi" auf, und nennt sich alleinigen Inhaber der Orthodoxie; dann wieder soll Herr 0r. Frankel „Vertreter der Orthodoxie" sein — und doch wird Jeder zugeben, daß der alte Orthodoxe, Ludwig Raschi und Herr vr. Frankel sehr, außerordentlich sehr verschieden von einander verschieden sind— nun dürfen wir doch nicht vergessen, daß in Berlin wieder eine sogenannte Neuorthodoxie vorhanden, und daß z. V. der ehrwürdige Rappoport in Prag auch eine eigene Orthodoxie vertritt. Diese Bemerkung wird Niemand mir verargen, wer z. B. sich das Urtheil denkt, welches sicher der selige Rabbi Moses Sofer oder der selige Rabbi Akiba Eger über alle diese „Orthodoxen" gefällt haben würden und auch zum Theil