Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 18 (1854)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1854)
- Date
- 1854-06-26
- Page
- Seite 327 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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327 hinauf führt.Man kann daher nicht sagen, daß das Ganze, einen erhebenden Eindruck macht. Es ist weder daS geheimnißvoll Schaurige, Beängstigende der alten Synagogen-,: denen man gleich ihre hundertjährigen Geschichten aLfieht/i noch das Freie, Geschwungene, Lichtvolle neuerer Synagogen. Dennoch ist der ganze Raum sehr geschmackvoll decorirt — unter „geschmackvoll" verstehe ich hervortretend,: markirt^ und dennoch angenehm, aber nichtüberladen. Der Gottesdienst ist völlig unberührt der alte (sogar fehlt nicht), jedoch in Münchener Weise mit Chor geordnet, so daß die Gemeinde eigentlich gar nichts zu thun hat. Aber der Chor ist sehr schwach, sowohl der Masse als der Qualität nach, und während er in Wien um den Chasan herumstehtbefindet er sich hier auf einer Tribüne, durch die ganze Länge deS Tempels vom Vorbeter getrennt, so daß die Gesänge abwechselnd aus ganz entlegenen Räumen kommen. Die .Gemeinde läßt,es sich daher an prägnanten Stellen nicht nehmen, den schwachen Chor zu übertönen. Der Chasan, Herr Naumburg, hat eine sehr starke Stimme, die besser als; der Chor den Tempel ausfüllt, aber freilich nicht die Anmuth, noch die Schule eines Sulzers. Auch der Vortrag: aus der Thora ist unverändert, da aber der .B. Kore alt ist, sehr langsam, und da jedem Aufgerufenen ein Vierteldutzend Mischeberach gesummt (nicht gesprochen und nicht gesungen) werden, ist die Langeweile sehr-groß und thut sich im Geräusch des Publikums kund. Fügen wir hinzu, daß sehr stattliche Cymmissionaire für .Aufrechthaltung der Ruhe sorgen, ohne sie gänzlich erzielen: zu können, und daß . eine Orgel da ist, die aber mit irn .verstummt — daß auch gepredigt, wird, aber nur an jedem hohen Feste ein Mal, daß dagegen nicht einmal das Sabbathgebet für Kaiser und Vaterland in französischer Sprache geschieht : --— und wir werden auch im Innern den: ganzen Bruch, den ganzen Widerspruch der Zeit gewahren. Ringsum sind die Juden anders geworden, sind in; ihrer ungeheuren Mehrzahl anders geworden, werden zum Theil von Jahr zu Jahr in denselben Individuen anders, und erziehen die Jugend anders aber: der Gottesdienst bleibt unverändert, ja die getroffenen - Veränderungen find ungeschickter, als die alten ' Einrichtungen unserer Vorvordern (—. naurentlich das Unbeschäftigtsein der Gemeinde —) und nichts wird als eine . äußerliche Musgleichung erzielt, als , eine mühsam erhaltene äußere Anständigkeit.... ich spreche hier nicht blpS. ' von- . der- Synagoge zu Paris, es ist dasselbe zu Brüssel, dasselbe zu Straßburg, dasselbe in fast-allen, Synagogen Deutschlands.... Und doch kann auf die Frage: was soll denn geschehen, um diesen Bruch zu heilen, um diesen Widerspruch zu heben? so wenig Positives geantwortet werden. Und warum? Nicht weil es keine Antwort gebe, nicht weil überhaupt die Antwort nicht schon gegeben wäre — sondern werl die modernen Juden dem kirchlich-religiösen Bedürfniß so sehr entwachsen sind, daß der Gottesdienst, mit Ausnahme dreier Tage im Jahre und einiger außerordentlichen Ceremonien, nur für die Alten — das sind häufig nur noch die Armen, besteht, und für diese braucht er eben gar nicht verändert zu werden. Jndeß wollen wir nicht verhehlen, daß in Wien, wo man der Langeweile doch mehr und ernster entgegen getreten ist, der Tempel stets gedrängt voll ist. Das drängt sich Einem in Paris bald auf, daß was daselbst im Judenthume treibt und fördert, wesentlich deutsch ist. Ich habe es aus dem Munde von Franzosen selbst, daß sie die Rolle, welche einst die babylonischen, später die spanischen Juden zu vollbringen hatten, der geistige Kern der Judenheit zur Zeit zu sein, willig in den deutschen Jud.en anerkennen. Aber was daS Schlimme hierbei ist, daß die frMösischen Juden zwar bis zu zwei Dritteln (wenn nicht mehr) deutsch sprechen und verstehen, aber — nicht lesen. Außer dem Wenigen daher, was in französischer Sprache geschrieben wird, und das hat freilich! auch nur einen sehr beschränkten Leserkreis, erhalten sie keine jüdische Geistesspeise , und darin gehen ihnen denn die meisten jüdischen Geistlichen wacker voran. Höchstens schaffen sie einen oder den andern Band deutscher Predigten an, denn die kann man einmal unmittelbar benutzen — sonst, ihr deutschen jüdischen Schriftsteller, bildet euch nicht ein, jenseits Straßburgs noch ein Lesepublicum zu haben — eher jenseits des Oceans am Fuße der rocky mountains unb (Ulf den Inseln des stillen Weltmeeres. Wozu auch? man hat seine Staatsstellung und damit genug .... Doch halt! ist dies auch ein gerechter Vorwurf? Ja, gerecht ist er — aber wir dürfen ihn nur nicht auf die französischen Rabbinen beschränken. Fanden wir nicht in Deutschland solche Herren genug, welche von den Erzeugnissen der jüdischen Presse nicht allein keine Notiz nehmen, sondern alles Mögliche thun, um sie in ihre Gemeinden keinen Eingang finden zu lassen? jüdische Prediger und Rabbinen, welche die neuesten' jüdischen Schriftwerke kaum dem Namen nach kannten!... Gnade Gott der jüdischen Presse, wenn es nicht noch — L eh re r *) *) Ähnlichst war ein Mann aus einer kleinen deut- 26 .